Mein Lieblingszehner (3)

Nachhilfe von Uwe

Mathematik war nie die Stärke unseres Autors. Bis er die tödlichen Pässe von Uwe Bein sah – und verstand.

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Spezial

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Was ich in der Schule nie verstand, war Mathematik. Zahlen, die natürlich und unnatürlich sein konnten, Gleichungen, die viel zu selten mal aufgingen und Formeln, die sich lasen wie die Schrift einer uns unbekannten (und sehr langweiligen) Alienrasse – ich verstand mich stets als Mensch des Wortes, und die Mathematik, die ja mitunter als Sprache des Universums bezeichnet wird, als anstrengende Erbsenzählerei. Zwei, drei, fünfundzwanzig, pi – machte das, wenn man nur einen ausreichend geweiteten Blick auf die Dinge hatte, denn überhaupt einen Unterschied? Ja, meinte mein Vater und schickte mich zur Nachhilfe.

Eine Ausnahme in meinem allgemeinen Mathematikverdruss stellte die Geometrie dar, und ich glaube, das hat mit Uwe Bein zu tun. Denn nachdem mich mein Onkel anno 1992 mit ins Stadion genommen hatte und ich anschließend regelmäßig Eintracht Frankfurt und Uwe Bein beim Fußballspielen bewunderte, geschah etwas Eigenartiges. Die Seiten meines Mathebuchs verwandelten sich in Taktiktafeln, die Punkte zu Spielern, deren verbindende Geraden zu scharf gespielten Pässen mutierten, in Winkeln, die absolut Sinn ergaben. B verband A verband C, und das Ergebnis stimmte.

Gleichungen, die sich wie von selbst auflösten

Denn ich hatte es ja live gesehen. Im Waldstadion passte B(ein) auf A(nthony Yeboah), während irgendein C(lown) aus der gegnerischen Hintermannschaft den Winkel des Zuspiels mal wieder komplett nicht verstanden hatte und irgendwo abseits stand, völlig ratlos ob des Passes, der gerade seine Abwehr in ihre Einzelteile zerlegte.

Ich weiß nicht, ob Uwe Bein ein guter Schüler war, aber ich würde wetten, dass er zumindest in Geometrie eine Eins nach der anderen mit nach Hause brachte. Denn es ist ja nun einmal so, dass Genies ihr jeweiliges Fach mit intuitiver Selbstverständlichkeit bespielen. Mozart am Flügel. Picasso an der Leinwand. Bein auf dem Rasen, in der Nähe des Mittelkreises, in etwas, das man heutzutage als Umschaltsituation bezeichnen würde, und in der er die gleichermaßen überraschende wie logische Antwort auf eine im weitesten Sinne geometrische Frage hatte, für die die meisten anderen Spieler schlicht nicht gut genug waren, sie überhaupt zu stellen. Wenn Bein einen seiner Pässe spielte, war das, als würde sich das gesamte Spielfeld plötzlich drehen, als würde es in eine vorher nicht dagewesene Richtung kippen. Seine Pässe waren praktische Geometrie, Gleichungen, die sich wie von selbst auflösten, in Wohlgefallen.