Mein Lieblingstransfer: Kevin Keegan

Der Rock’n’Roll-Übermensch

Nicht, dass ich damals irgendwie hätte ermessen können, ob der Transfer aus Sicht des Vereins sportlich eine kluge Entscheidung war. Vielmehr fragte ich ich mich, warum sich ein Superstar wie Keegan diesen Schritt antat. Offenbar plante dieser mondäne Peter Krohn da irgendwie die Weltherrschaft. Für die Zeitungen war die astronomische Ablösesumme das Thema, ich war da einfacher gestrickt: Wer soviel kostete und aus England kam, sagte ich mir, der konnte doch nur super sein! Mein Gott, war ich naiv.

Erst Zebec machte aus Keegan diesen Rock’n’Roll-Übermenschen

Wie ein Fanal für all die Enttäuschungen, die ich in Zukunft mit sündhaft teuren Heilsbringern beim HSV noch würde ertragen  müssen, schrumpfte Keegan in seinen ersten Monaten an der Elbe gleich auf Körpergröße (1,69 Meter). Erst das knüppelharte Training von Branko Zebec, verbunden mit Geduld und allen Freiheiten auf dem Spielfeld, die ihm der jugoslawische Coach übertrug – und die ein Mann seines Formats offenbar benötigte, – machten aus ihm diesen Rock’n’Roll-Übermenschen, der er in der Rückschau ist. Bis heute ist er für mich der Empfangschef am Tor zum Goldenen Zeitalter des HSV. Als er 1980 zurück auf die Insel ging, war das hanseatische Flair des Klubs von Uwe Seeler und Willy Schulz um eine gehörige Portion Glamour reicher. Und es war plötzlich cool, die Raute auf der Tasche mit den Geigennoten zu tragen.   





Keegans Transfer war deshalb so besonders, weil er mir vor Augen führte, dass auch ein großer Star Zeit braucht, um in einem neuen Umfeld zu funktionieren. Zeit, die ihm der HSV damals noch einräumte. Kevin Keegan hat wie kein Spieler vor ihm eine universelle Projektionsfläche geboten und sie in jeder Hinsicht ausgefüllt: Er war ein großer Fußballer und ein Popstar, er machte Tore, er holte Titel, er sang Top-Ten-Hits, war der Held in einer eigenen Comic-Serie und sich nie zu schade, für den Klub zu leiden und einen Willen an den Tag zu legen, den an ihn herangetragenen Ansprüchen zu genügen. Keegan verließ den HSV erst, als der letzte Kritiker verstummt war und niemand mehr zweifelte, dass er jeden Pfennig der 2,3 Millionen Mark Ablöse wert gewesen war. 



Das Wichtigste aber: Er war ein Königstransfer, der die Hoffnungen, die ich später nie mehr in einen Neuzugang setzen konnte, am Ende voll und ganz bestätigte.