Mein Lieblingstor: Mike Büskens vs. FC Brügge

Wir schlugen Brügge

Vielleicht war es der Schneematsch, vielleicht die Angst vor der eigenen Courage, vielleicht auch einfach nur ein beschissen geschossenener Strafstoß, denn es geschah das Unglaubliche: Thon vergab. Brügges Dany Verlinden hielt den Ball, ein Abwehrspieler klärte zur Ecke. Für eine Millisekunde konnte man am heimischen Fernsehen erkennen, dass Olaf Thon den Glauben an seine Fähigkeiten verloren hatte. Doch ehe der kleine Ex-Schnurrbartträger sich überhaupt einen Kopf um seinen Fehlschuss und dessen Folgen machen konnte, blaffte schon sein Mannschaftskollege Mike Büskens von hinten. »Olaf, schieß die Ecke«, brüllte der Mittelfeldschufter seine Nummer zehn an. Und Olaf folgte der klaren Regieanweisung.

Pure Fußballmagie

Was folgte, war ein Moment von purer Fußballmagie: Die Ecke flatterte in den Sechzehner, ein belgischer Verteidiger verlängerte den Ball per Kopf aus dem Strafraum heraus. Doch da, circa 22 Meter vor dem Tor, leicht links versetzt, wartete bereits Mike Büskens, ein Spieler, der nie durch Ästetik, Torgefährlichkeit oder geniale Momente auffällig geworden war. Büskens, das wusste jeder auf Schalke, das hieß ackern, Willenskraft und, nun ja, ackern. Büskens visierte den Ball an und hämmerte das orangefarbene Spielgerät per Dropkick auf das Tor.

Es ist das Werk eines Wahnsinnigen, der die zwei Optionen dieses unfassbaren Schussversuches nur für Nanosekunden durchdacht hat: Stadiondach oder Unsterblichkeit. Nur Sekunden später schlug der Ball wie eine Kanonenkugel im Winkel des Brügger Tores ein. Ein Schuss ohne Schlänker, ohne Flattern, ein Schuss, aufgeladen mit 100 Prozent purem Willen. Dem Willen, einen verschossenen Elfer vergessen zu machen, dem Willen, das Spiel zu drehen, dem Willen, Europa zu zeigen, was man auch mit einer durchschnittlichen Begabung zu leisten im Stande ist. Es ist Signal für alle Belächelten, für alle da unten, für alle Kleinen im Konzert der Großen. 

Die Geburtsstunde der Eurofighter

Und es ist ein Signal für das, was im Laufe des Wettbewerbs noch kommen sollte. Schalke 04 schmeißt Brügge raus, dann »Valencia, Teneriffa, Inter Mailand, das war die Show«. Aus dem FC Schalke, diesem Haufen Pferdelungen und Malocher, werden am Ende der Saison die »Eurofighter«. Legenden, die bis heute rund um Gelsenkirchen auf Händen zur nächsten Trinkhalle getragen werden, um das x-te Mal von ihren Heldentaten zu erzählen. Mittlerweile sind die Eurofighter fast alle aus dem Verein verschwunden. Nur einer kam zuletzt zurück – der Magier Huub Stevens. Und Mike Büskens? Der ackert derzeit mit Greuther Fürth um den Aufstieg in die erste Liga. Doch er sagt auch offen: »Eines Tages werde ich nach Hause zurückkehren.« Das klingt wie das eiserne Versprechen eines Fußball-Wahnsinnigen, der sich einst in Brügge unsterblich gemacht hat. 

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