Mein Lieblingstor: Mike Büskens vs. FC Brügge

Das Werk eines Wahnsinnigen

Keine Haken, kein Übersteiger: Als Mike Büskens im UEFA-Cup-Spiel gegen Brügge abzog, bestand sein Schuss zu einhundert Prozent aus purem Willen. Grund genug für unseren Autor Benjamin Kuhlhoff, sich in dieses Tor zu verlieben.

Mike Büskens trifft in Brügge

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Das Jahr 1996 war in vielerlei Hinsicht ein prägendes für mich: Ich hatte meine erste feste Freundin (Stichwort: Liebe), beim EM-Titelgewinn der deutschen Mannschaftt stand ich mit einem England-Trikot auf dem Dorfplatz, während um mich herum alle glückselig die Nationalhymne grölten (Stichwort: Fremdscham) und ich war das erste und einzige Mal so betrunken, dass ich einen Baum umarmte (Stichwort: Lebenserfahrung). Auch sportlich war dieses Jahr entscheidend: Mit der B-Jugend meines Heimatvereins SC Glandorf trat ich in einer Spielklasse an, in die wir eigentlich nicht gehörten. Sie nannte sich Bezirksliga – für uns war es wie ein zufälliges Engagement in der Champions League.

Wir gegen die Roboter

Woche für Woche trafen wir auf Teams, die einheitliche Trainingsanzüge, riesige Mannschaftsbusse und noch größere Isostar-Getränkeabfüllgeräte ihr Eigen nannten. Sie liefen sich zusammen in einer Reihe warm, sahen aus wie Roboter und schenkten uns vor dem Spielbeginn meist nicht mehr als ein verächtliches Lächeln.

Und wir? Unser Kapitän Oliver ölte seine Trainingsjacke lieber in der Traktor-Werkstatt seines Arbeitgebers zu, als sie beim Warmmachen am Wochenende zu tragen. Auf Warmmachen verzichtete er sowieso meist, er rauchte stattdessen lieber hastig zwei Kippen. Unser Spielmacher Gerd hatte einen begnadeten linken Fuß, doch leider besaßen seine Eltern einen Getränkevertrieb, weshalb er meist eine Fahne wie ein Rathaus hatte. Bei einem Spiel auf Kunstrasen lief er einmal mit Schraubstollen auf. Als der Schiedsrichter sagte, er dürfe so nicht spielen, konterte er schroff: »Du kannst mich mal!« Wir spielten das Spiel zu zehnt. 

Auch ich passte nicht in diese Automatenliga. Irgendwann begann ich mir vor Spielen die Fingernägel zu lackieren, weil ich merkte, dass meine Gegenspieler nicht allzu gut mit Andersartigkeit umgehen konnten. Sie hetzten mich lieber zu dritt über das ganze Feld. Das schuf Lücken, in die wir gnadenlos stießen. Captain Olli schoss am Ende 24 Tore, Gerd bekam ein Angebot von der Jugend des VfL Osnabrück, am Ende wurden wir sensationell Vizemeister. Daraus lernte ich, dass man auch mit einer durschnittlichen Begabung etwas erreichen kann, wenn man nur seine Trümpfe richtig ausspielt.

Parallelen zwischen Glandorf und Schalke 04

Parallel zur erstaunlichen Entwicklung meiner eigenen Mannschaft setzte auch mein Klub Schalke 04 im UEFA-Pokal zum Husarenritt an. Dabei galt die Malochertruppe um Jiri Nemec, Radolslav Latal, Andreas Müller und Mike Büskens vor dem Saisonstart als Favorit auf ein Erstrunden-Aus. Doch es kam anders. Über die Stationen Roda Kekrade und Trabzonspor stand die Mannschaft von Trainer Huub Stevens plötzlich im Achtelfinale gegen den FC Brügge.

Es war der 19. November 1996, ein Tag, der meine Sicht auf den Fußball endgültig verändern sollte. Der Rasen im Brügger »Jan Breydel Stadion« glich dem Acker unseres benachbarten Bauern. Vom Schnee vollends aufgeweicht, tief zerfurcht, ein Geläuf, auf dem unter normalen Umständen nicht einmal ein Kreisligaspiel angepfiffen werden würde. In Brügge wurde dennoch gespielt. Die Knappen lagen 0:1 hinten, als Schalkes Mittelfeldschönling Radoslav Latal in der 49. Minute im Brügger Strafraum zu Fall gebracht wurde. Elfmeter. Der Schütze: Olaf Thon. Über den hatte Franz Beckenbauer einmal gesagt, dass man den Olaf um Mitternacht wecken könnte, er würde eine Minute später trotzdem den entscheidenen Elfmeter versenken. So was nennt man dann wohl einen todsicheren Schützen. 



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