Mein Lieblingsmoment 2013: Der Prince wechselt zum FC Schalke

»Brauche alle Hintergründe? SOS?«



Eines Nachts wartete ich gar bis meine Frau eingeschlafen war, um meine Sucht nach Fußballnachrichten zu befriedigen, als plötzlich auf dem Bildschirm die Nachricht »Kevin-Prince Boateng bereits auf Schalke« erschien. Mein Herz blieb stehen. Mein Mund wurde trocken. Ich sah kleine Sterne. Hatte ich richtig gelesen? Kevin Prince Boateng? Bei meinem Klub? Einfach so. Ich las weiter, fand Bestätigung und sagte: »Wie geil ist das denn?« Leider sagte ich das etwas zu laut, denn meine Frau wachte auf und murmelte: »Ist was passiert?« Ich tat teilnahmslos und imitierte ein schlaftrunkenes Murmeltier: »Bidde, ich hab schon geschlafen?« Ich log für den Fußball. Ich war wieder ganz unten angekommen.


Ein Hermelinpelz voller Kohlenstaub


Fortan war an Schlaf nicht mehr zu denken. Würde der Hermelinpelzfußballer den Malocherklub in neue Sphären erheben? Wie sah seine Torquote eigentlich aus? Wie viel Kilometer lief er bei Milan? Und was macht eigentlich das Knie? Ich schrieb meine Freunde an. »Was ist dran an der Nachricht? Brauche alle Hintergründe? SOS?«



Ich bekam keine Antwort und machte mich deswegen selbst auf die Suche nach belastbaren Fakten. Via Boulevard ließ ich mich minütlich über den Stand der medizinischen Untersuchungen aufklären. Ich betete: »Bitte Kevin, nur zehn Kniebeugen, dann bist Du endlich Schalker!« In diesem Zustand aus Bibbern, Zittern und ungläubigem Herumgeklicke vergingen Stunden bis dann tatsächlich vermeldet wurde: »Boateng ist Schalker!« Ich jauchzte vor Freude, holte mir zur Feier des Tages einen Softdrink aus dem Kühlschrank, ging auf den Balkon und blickte auf den schlichte Schönheit des nächtlichen San Francisco. Ich dachte an Schalke im Meisterrennen. An Schalke im Champions-League-Finale. Den Leitwolf Boateng, der die Truppe bis an die Spitze führt. Weil er es kann. Weil er unverwundbar ist. Eine Maschine. Ein Fußballgott.

Plötzlich hörte ich wieder eine Stimme hinter mir: »Was machst Du hier?«, fragte mein Frau. »Ach nichts«, sagte ich. »Mir ist nur gerade wieder eingefallen, wie verdammt schön das Leben ist.« Das klang nach Tiefgang. Nach weisen Worten. Nach Gänsehaut. Nach Hollywood. Sie sah mich an, verdrehte die Augen und fragte: »Du redest jetzt von diesem Boateng, oder?« Sie hatte mich erwischt. Sie lächelte. Sie hat es mir verziehen. Und da merkte ich wirklich, wie wunderschön das Leben eigentlich ist.

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