Mein Lieblingsmoment 2013: Das CL-Finale

Die endlose Fahrt

Die Fahrt war sehr lang, denn die Bahn bewegte sich mit etwa 60 km/h durch die Ukraine. Es ging vorbei an Orten mit Namen wie Bila Tservka, Man’kivka und Uman. Wenn man hier aussteigen würde, könnte man sicherlich 500-Seiten-Romane über die Männer schreiben, die dort einsam auf den Bänken vor den einsamen Bahnhofshütten warteten. Oder man könnte irgendwo einen alten Schwarz-Weiß-Fernseher finden, bei dem man die Antenne so justiert, dass plötzlich das Champions-League-Finale auf dem Bildschirm erschiene.
 
Gegen 21:45 Uhr ukrainischer Zeit: Anstoß in London. Ich sah zu F. und fragte, ob bei seinem Smartphone das Internet funktioniere. Er schüttelte den Kopf. Er lachte. Er gab mir einen Keks und sagte dann: »Guck mal da draußen!« Da draußen stand ein Schaf auf einer Wiese. Ein Schaf im Oblast Odessa! Während in Wembley Robert Lewandowski vielleicht gerade einen Hattrick erzielte.

»Bayern 2, Dortmund 1«
 
Wir kamen in Odessea an. Und auf einmal hatte F. eine Internetverbindung. Während wir zu einem Bus hetzten, der uns zu einem Versteck direkt am Schwarzen Meer bringen sollte, zeigte F. mir sein Handy. Auf einer Art Liveticker-Seite blickte ich auf eine kyrillische Buchstabensuppe. Ich sagte: »I don’t understand!«, und er sagte: »Bayern 2, Dortmund 1.« Und das war alles, was ich bis Montagmorgen erfahren sollte.
 
Am 27. Mai 2013 saß ich in einem Café in Kiew. Ich hatte auch die Rückreise überstanden und konnte nun ein bisschen entspannen. Ich trank einen Tee und klickte mich durch diverse Youtube-Videos, und irgendwann fand ich die Aufnahme eines Fans, schlechter Sound, verwackeltes Bild. Doch ich sah, wie Arjen Robben mit einem brillanten Solo das 2:1 markierte. Ich wusste: Morgen, wenn ich nach Hause käme, würde ich mitreden können. Es war ein guter Moment.

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