Mein Lieblingseuropapokalspiel: Werder-HSV

Ein HSV-Fan warf die »Papierkugel Gottes«

Das Rückspiel war ein offener Schlagabtausch. Der HSV ging durch Ivica Olic früh in Führung, der Volkspark stand Kopf. Kurz danach glich Diego aus, in der 66. Minute traf Claudio Pizarro zum 2:1. Hamburg brauchte mindestens ein Unentschieden. Die Luft ließ sich in Scheiben schneiden. Ein emotional überforderter HSV-Fan knüllte einen der 45.000 Dekorbögen der Choreo zusammen und schmiss ihn aufs Feld. Warum, blieb sein Geheimnis.

Fest steht: Es war einer der weitreichendsten Papierkugel-Würfe der Fußball-Geschichte. Unscheinbar und unbeachtet fristete sie ein Randdasein etwa drei Meter vor der Grundlinie. Vor einem Diego-Freistoß in der 78. Minute war der Zellulosebatzen bereits am Rand der TV-Bilder zu erkennen.



Der Fußballgott ist ein Werder-Fan

Immer noch fehlte dem HSV ein Tor. Inzwischen hatten die Hamburger die Brechstange ausgepackt und spielten bereits »Kick and Rush«. Zerkaute Nagelbetten bei Fans beider Seiten. Das Privatfernsehen hatte den herbeigesehnten Mexican Stand-Off. Dann die 80. Minute: HSV-Verteidiger Michael Gravgaard wollte einen Routine-Querpass zu Frank Rost spielen, damit dieser die Pille nach vorne prügeln konnte. Auftritt Papierkugel. Der Ball rollte über das unscheinbare Hindernis und hüpfte unglücklich an Gravgaards Schienbein. Der fuhrwerkte den Pass ins Toraus – Ecke. »Sat1« zeigte eine Zeitlupe von dem Missgeschick. Pech.



Voller Verzweiflung trat der Däne das Corpus Delicti vom Platz. Diego war es egal: Er führte die Ecke aus. Almeida köpfte Rost an, der wehrte seitlich ab. Baumann schmiss sich in den Ball und brachte ihn allein durch seine Willensstärke über die Linie. 3:1! Das Spiel war entschieden. Durch einen Klumpen Karton. Bremer Jubelschreie klangen bis nach Delmenhorst. Das Pappteil erhielt Einzug in die Bremer Stadtfolklore und hat sogar einen klangvollen Namen: »Papierkugel Gottes«.

Der Untergang des HSV

Der HSV war geschockt. Die Hamburger schafften kurz vor Schluss zwar noch den Anschlusstreffer durch Olic, aber es war zu spät. Bremen stand im Finale, der HSV war ausgeschieden. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: Nach dem Spiel landete das Beweismaterial in prominenter Position auf dem Moderationstisch zwischen Oliver Welke und dem »Sat1-Experten« Mirko Slomka. Klaus Allofs bewunderte den Glücksbringer im Field-Interview. Kurz darauf wurde die Papierkugel für 4510 Euro versteigert und landete schließlich als Denkzettel in einer Plexiglasvitrine im Vereinsmuseum von Werder Bremen.

Beim vierten Aufeinandertreffen eine halbe Woche später ging der HSV endgültig unter. Für Werder, gefangen im graumäusigen Niemandsland der Bundesliga, ging es eigentlich um nichts mehr. Der Sieg im letzten Akt des dreiwöchigen Dramas hätte dem HSV eigentlich geschenkt werden können. Aber Pustekuchen: Bremen war erbarmungslos. Zwei HSV-Verteidiger rannten sich im eigenen Strafraum über den Haufen, Hugo Almeida nutzte das aus. 1:0. Die Fans kannten noch weniger Gnade und ließen eine überdimensionale Papierkugel durchs Stadion rollen. Die HSV-Profis waren am Ende ihrer Kräfte. Sie hatten die 19 schlimmsten Tage ihrer Fußballkarriere hinter sich. Das Spiel endete 2:0. Innerhalb von kürzester Zeit hatte Hamburg alles verloren. Am Ende der Saison warf Trainer Martin Jol (»Ich kann Bremen nicht mehr sehen!«) hin.
Heute ist die werfbare Devotionalie das beliebteste Motiv in Bremens »Wuseum«. Auch ich besuchte sie einst, um ihr Tribut zu zollen. Auf dem Foto, das ich schoss, grinse ich breit. Ich postete es an die Facebook-Pinnwand meines Bruders. 24 Personen gefiel das. Meinem Bruder nicht.