Mein Lieblingseuropapokalspiel: KSC-Valencia

Zufall? Ein Wunder?

Waren sie aber nicht. Nach etwa einer halben Stunden verwertete Edgar Schmitt eine Flanke von Manni Bender zum 1:0. »Ausgerechnet Schmitt«, japste Kommentator Jörg Dahlmann, und wies darauf hin, dass sich Schmitt bei einem Autounfall wenige Tage zuvor volle vier Mal überschlagen hatte. Fasziniert davon, dass man derart viele Überschläge überleben und anschließend auch noch Fußball spielen konnte, stellte ich den Autounfall und die Loopings auf der heimischen Couch nach. Schmitt legte zum 2:0 nach und ich setzte mich wieder hin. Hier passierte gerade etwas.

»Das ist nicht möglich. Das ist unfassbar!«

Nach Schmitts Auftakt spielte der KSC die Spanier in Grund und Boden. In einer unglaublich hohen Taktung fielen die Tore. 29. Minute, 34., 37., 46. Minute, 4:0 für Karlsruhe. In der 59. Minuten segelte ein Freistoß in den Strafraum von Valencia, den Schmitt ins Tor nickte. Er riss die Arme weit vom Körper, warf den Kopf in den Nacken, rannte jubelnd über das Spielfeld und wirkte dabei wie besessen und beseelt zugleich. Im Flutlicht des Wildparks sah es aus, als würde er leuchten. Ausgerechnet Schmitt, der Unfallfahrer, der Halbtote. Keine vier Minuten später lief Schmitt in einen Steilpass, zog aus zwanzig Metern ab und traf zum 6:0. »Das ist nicht möglich. Das ist unfassbar!«. Dahlmann eskalierte. In der Zeitlupe sah man, dass der ruhig rollende Ball im Moment des Schusses einige wenige Zentimeter vom Boden absprang und Schmitt ihn deswegen so perfekt traf. Konnte das noch Zufall sein? Höhere Macht? Ein Wunder? Und: Was war der Unterschied?

Slaven Bilic legte in der 90. Minute noch nach, der KSC gewann mit 7:0 und die Spieler lagen sich fassungslos in den Armen. Vom »Wunder vom Wildpark« war die Rede und von »Euro-Eddy«, der gerade das Spiel seines Lebens gemacht hatte. Auch ich war fassungslos. Alles ist möglich in diesem Sport, erfasste es mich. Im negativen wie im positiven Sinne. Das ist viel wert, auch wenn es mitunter sehr, sehr weh tut.

Die tiefe Skepsis gegenüber dem Fußball bin ich nie losgeworden. Die letzten 20 Jahre mit der Eintracht haben sie eher gefestigt. Auch wenn die wahrhaft großen Spiele, die Dramen von historischem Ausmaß, nur alle Jubeljahre mal passieren. Aber sie passieren! Eine Einsicht, die überaus tröstlich ist. Und die ich auch »Euro-Eddy« Schmidt verdanke.