Mein Lieblingsbild (4): Die Grätsche als Kunstform

Why?

In seinen besten Momenten kann der Fußball Kunst sein. Und manchmal sind die besten Momente in den Dreck getretene Blutgrätschen.

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Charly Körbel ist ein netter Mensch. Vor einigen Jahren traf ich ihn zum Interview und Körbel sprach mit onkelhafter Gelassenheit über seine längst vergangene Karriere, an deren Endphase ich mich gerade so noch erinnerte. Ein launiges, nettes Gespräch, in dem mir Körbel jedoch eine Sache verschwieg: Dass seine größte Karriere-Errungenschaft neben einem Uefa-Cup-Sieg und zwei DFB-Pokalsiegen die Perfektion der Blutgrätsche ist. 

Denn wenig später durchforstete ich die Datenbank unserer Bildagentur, die bis weit in die Fußballhistorie hineinreicht, auf der Suche nach Grätschen-Fotos für eine Bildergalerie. Zufällig stolperte ich über ein Bild aus dem Jahre 1982, das seither mein Desktop-Hintergrundbild ist und mich zugleich an die Schönheit der Dinge als auch an deren Vergänglichkeit erinnert. Ich nenne es die Anti-Kriegs-Grätsche.

Die Anti-Kriegs-Grätsche zeigt Körbel und Dieter Hoeneß in einem Zweikampf, der viel mehr ist als das. Diese Grätsche ist Kunst. Die tiefstehende Sonne verleiht der Szenerie eine wohlige Wärme,  zeigt aber zugleich eine aufkommende Abendstimmung an. Eine bittersüße Melancholie stellt sich beim Betrachter ein. Die Dinge sind schön, aber sie vergehen. Dieser sonnige Tag im Frühling 1982, Körbels Karriere, Hoeneß’ Spunggelenk, das im Moment des Fotos von Körbel pulverisiert wird und im Dreck des Frankfurter Sechzehners verteilt wird wie die Asche eines Verstorbenen, Staub zu Staub. Ohnehin Körbel. Der Gesichtsausdruck voller Schmerz, er ist ein Sünder im Moment des sich darüber Bewusstwerdens, seine Mimik verrät Erstaunen, Schmerz und einen Hauch Ekel. Was habe ich getan, scheint er wortlos zu fragen. 

Und dann Hoeneß. Sein bullenartiger Körper, der sich in einem goldenen Schnitt nach hinten biegt. Der perfekte Schattenriss auf seinem Gesicht, der Augen und Mund zu weit aufgerissenen Löchern mutieren lässt. Ein Blick, voller Unverständnis über das, was ihm gerade widerfährt, die Arme weit vom Körper gestreckt, ein Mann im Moment zwischen Verstehen und Schrei: Hoeneß wird im Augenblick des Gegrätschwerdens zu einer zärtlichen Hommage an das berühmte »Why?«-Poster des fallenden Soldaten, das zu einem bekannten Anti-Kriegs-Motiv wurde. 

Eine kurze Recherche zum Spiel zeigte, dass Hoeneß für die Mutter aller Grätschen nicht einmal einen Elfmeter bekam. Mehr noch: Beim 4:3-Sieg der Eintracht trug sich Körbel sogar in die Torschützenliste ein. »Why?«, dürfte Hoeneß gedacht haben, an diesem Tag mit der tief stehenden Sonne und dem geschwollenen Knöchel, an dem er torlos blieb und hinterrücks in den Staub gegrätscht wurde, vergeblich wartend auf den Elfmeterpfiff. Die Vergeblichkeit des Krieges, des Fußballs, des Lebens, eingefroren in einem Moment im April 1982. Geblieben sind drei Punkte für die Eintracht, ausgewiesen in einer Tabelle, die niemand mehr ansieht. Außerdem ein nettes Gespräch mit Charly Körbel und natürlich ein Foto für die Ewigkeit. Und möglicherweise ein Hämatom an Hoeneß’ Sprunggelenk.