Mein Lieblings-Zehner (1)

Ein Hauch von Tragik

Ich muss gesehen haben, wie Simmes abzog. Doch in meiner Erinnerung ruhten meine Augen auf Raducanu, der sich das Tor aus gebührender Entfernung ansah. Nicht wie ein Feldherr auf seinem Hügel, eher wie ein Maler, der etwas zurücktritt, um ein wenig Abstand von seinem Werk zu gewinnen. In solchen Augenblicken liebte ich Raducanu ganz besonders. Und in solchen Augenblicken tat er mir immer ein wenig leid.

Wie alle echten Helden, so umwehte auch Raducanu ein Hauch von Tragik. Rumäniens Fußballer des Jahres 1980 hatte das Pech, in einem Land geboren zu werden, das man nicht einfach so verlassen konnte. Deshalb setzte er sich im Sommer 1981 nach einem Spiel der Nationalmannschaft in Dortmund ab. Dafür wurde er ein Jahr gesperrt und konnte erst im August 1982, im Alter von fast 28 Jahren, für einen Verein Fußball spielen, den er sich selbst ausgesucht hatte. Das war der BVB, der durch den Präsidenten Reinhard Rauball saniert worden war, sich kurz zuvor unter Trainer Branko Zebec für den UEFA-Cup qualifiziert hatte und zum ersten Mal seit 16 Jahren wieder europäisch spielen würde.

Wie ein Ballett-Tänzer unter Schuhplattlern

Tja, und dann wurde Zebec wegen seiner Alkoholprobleme entlassen und Rauball trat zurück, um sich auf seinen Beruf zu konzentrieren. Damit begannen Dortmunds düstere Achtziger. Nazis auf den Rängen, limitierte Kicker auf dem Rasen, totale Ebbe in der Kasse. Der Klub war beinahe abgestiegen, dann beinahe bankrott, dann beinahe beides. Und mittdendrin Raducanu, den der »Kicker« schon nach seinem ersten Spiel für Borussia als »Superstar« bezeichnet hatte. Er wirkte wie ein Ballett-Tänzer unter Schuhplattlern.

Sechs Jahre tat er sich das an. In den meisten von ihnen hielt er den BVB mehr oder weniger alleine in der Bundesliga. Und das vielleicht Bewundernswerteste an ihm waren nicht seine langen Pässe oder die klugen Zuspiele in die Spitze. Sondern wie er es mit stoischer Ruhe ertrug, dass die meisten seiner Ideen zu nichts führten, weil die Mitspieler nicht mal ansatzweise seine Klasse hatten. Irgendwie ist es stimmig, dass Raducanu den BVB nach einer weiteren enttäuschenden Saison im Sommer 1988 verließ, um seine Karriere in der Schweiz ausklingen zu lassen – und so den glorreichen Pokalsieg 1989 verpasste.

Bei dem führte dann übrigens schon sein Nachfolger Regie. Er hieß Andreas Möller und war auch ziemlich gut. Aber nie so magisch wie der beste Zehner, den ich je für Dortmund spielen sah: Marcel Raducanu.   

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