Mein Fußballmoment des Jahres: Kölns Feiertag in London

Ode an die Freude

2017 war kein gutes Jahr für den Fußball. Aber der Auftritt des 1.FC Köln beim FC Arsenal erinnerte daran, worum es im Fußball geht. 

imago

Ich habe mehr als zwei Jahrzehnte in Köln gelebt und weiß daher, dass die Menschen in »der schönsten Stadt Deutschlands« (Selbstwahrnehmung) mit einem Talent überreich gesegnet sind: sich an sich selbst zu berauschen. Das mag mit dem Karneval zu tun haben, mit rheinischer Leichtigkeit und einem leicht überspannten Lokalpatriotismus. Die Fähigkeit zur Selbstbegeisterung kann einem manchmal ordentlich auf die Nerven gehen, aber auch sehr lustig sein – und manchmal kann sie einen einfach wegblasen.

Mir war schon klar, dass viele Kölner ihre Mannschaft zum Spiel beim FC Arsenal begleiten würden, schließlich war es das erste Europapokalspiel seit 25 Jahren. Mir war auch klar, dass es ein großer Auftritt werden würde, aber was dann passierte, hatte ich nicht erwartet. Dem 1.FC Köln und seine Anhänger gelang etwas ganz Besonderes.

2017? Novembergrau!

2017 war kein gutes Jahr für den Fußball. Die vermischten Nachrichten waren selten erfreulich und teilweise sogar schauerhaft, wie der Anschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund. Dann wieder wurden unversehens 200 Millionen Euro für einen Spieler bezahlt, weil ein Staat am Persischen Golf gute Presse brauchte. Der Deutsche Fußball-Bund schaffte es, sich zwischen alle Stühle zu setzen und zum Punching Ball für jedermann zu werden. In der Bundesliga ging dem FC Bayern der letzte Konkurrenten verloren und der Fußball, der allenthalben gespielt wird, ist kaum noch anzuschauen.

Die Aufzählung ist nicht ansatzweise komplett. Von gelegentlichen Lichtblicken abgesehen, verbreitete sich eine seltsame Freudlosigkeit, ein Novembergrau legte sich über den Fußball. Und irgendwie schlich sich die schwierigste aller Fragen ein: Was soll das eigentlich?

Als die Kölner zu Tausenden durch London zogen, gelang es ihnen wirklich, die englische Hauptstadt zu beeindrucken. Das war anfangs nicht ganz unkompliziert, weil den Einheimischen nicht völlig klar war, ob diese lauten Rot-Weißen in guter Absicht gekommen waren. Die Frage sorgte später auch am Stadion für Durcheinander und einen verspäteten Spielbeginn. Aber irgendwann hatte auch der letzte Ordnungshüter verstanden, was es mit diesen Gästen auf sich hatte: Sie freuten sich einfach.

Es geht darum, dass wir uns freuen

Sie freuten sich, beim ersten Europapokalspiel ihres Klubs nach einem Vierteljahrhundert dabei zu sein. Sie freuten sich, dass es gerade in London stattfand, im Stadion des großen FC Arsenal. Sie freuten sich an sich selbst, weil sie so viele waren und so voller Freude. Deshalb sangen sie, über ihren Klub und über ihre Stadt und über sich selbst. Deshalb jubelten sie, als ihre Mannschaft in Führung ging und stöhnten, als sich ihr Nationalspieler Jonas Hector verletzte. Sie waren traurig, als die Gastgeber das Spiel noch drehten, und dann sangen sie wieder. Und als sie sangen, so laut und so inbrünstig, ging das jedem ans Herz.

Dieser wunderbare Kölner Feiertag erinnerte daran, was das eigentlich soll mit dem Fußball, und das ist eigentlich ziemlich einfach: Es geht darum, dass wir uns freuen. Weil unsere Mannschaft gut spielt und gewinnt, oder weil wir sie irgendwohin begleiten können, mit netten Leuten, die sich auch darüber freuen. Und manchmal sind wir auch traurig, weil unsere Mannschaft verloren oder einen schlechten Tag erwischt hat. Die Sache ist sogar so einfach, man hätte echt gerne mehr davon.