Mein Fußballmoment des Jahres: Bielefeld überrollt Braunschweig

Emmerich kann mich mal

6:0 in Abwesenheit! Warum es manchmal besser sein kann, den eigenen Lieblingsverein links liegen zu lassen

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Als Fußballfan ist man Nackenschläge gewohnt. Als Fan von Arminia Bielefeld potenziert sich dieses Problem noch einmal. Im Grunde geht es einem wie den Protagonisten eines Katastrophenfilms von Roland Emmerich: Immer wenn man denkt, die Gefahr ist vorbei, kommt das Unheil gleich wieder um die nächste Ecke.

Eine der profansten Erscheinungsformen dieses Phänomens ist das selbstverständliche Verspielen von Vorsprüngen. Führt Arminia Bielefeld 1:0, holen wir mit viel Glück einen Punkt. Führt Arminia Bielefeld 2:0, holen wir immer noch mit viel Glück einen Punkt.

Im Frühjahr dieses Jahres fuhr ich mit dem Kollegen Tobias Ahrens ins Emsland, um eine Reportage über die sportliche Renaissance des SV Meppen zu schreiben. Parallel zum damaligen Spitzenspiel der Regionalliga Nord zwischen Meppen und dem VfB Lübeck spielte Arminia Bielefeld gegen Erzgebirge Aue, ein vorentscheidendes Spiel um den Klassenerhalt. Ich war also aufs Internet angewiesen und registrierte verblüfft (und auch ziemlich bange), dass meine Bielefelder schnell mit 2:0 in Führung gingen. Dann war ich kurz abgelenkt – was ja mal vorkommen kann, wenn man eine Reportage schreibt –, und als ich wieder aufs Telefon schaute, stand es 2:2. War klar. Und so blieb es dann auch.

»Ist es so furchtbar?«

Einige Wochen später – die Bielefelder Chancen auf den Klassenerhalt hatten sich, nicht zuletzt durch einen Trainerwechsel, immerhin nicht verschlechtert – traf die Mannschaft im vorletzten Heimspiel der Saison auf den Aufstiegskandidaten Braunschweig. Wieder konnte ich das Spiel nicht sehen, was einem gut gemeinten, aber schlecht mit dem Spielplan abgestimmten Geschenk meiner Frau geschuldet war.

Als wir aus dem Funkloch auftauchten, in dem wir große Teile des Wochenendes verbracht hatten, aktivierte ich das Smartphone. 2:0 für Arminia, Ende der ersten Halbzeit. Bitteres Auflachen meinerseits. Konnten die Penner nicht einfach mit Anstand verlieren, ohne ihrer Anhängerschaft falsche Hoffnungen zu machen? War doch klar, wie die Sache ausgehen würde! Ich schaltete das Telefon aus und erst daheim wieder ein, in düsterer und schicksalsergebener Erwartung des Schlimmsten.

»Du siehst blass aus. Ist es so furchtbar?«, fragte die offenbar vom schlechten Gewissen gebeutelte Gattin. »Na ja«, sagte ich. »Was heißt na ja?«, fragte die Gattin. »Mit dem Ticker stimmt etwas nicht«, antwortete ich. »Angeblich steht es 4:0 für uns.« In diesem Moment aktualisierte sich das Ding. »Äh..., 5:0.« Da wusste ich, dass wir das Spiel wenigstens nicht mehr verlieren würden.

Was das nicht der FC Barcelona?

Am Ende gewann Arminia Bielefeld gegen Eintracht Braunschweig mit 6:0 und blieb in der Zweiten Liga. Ich habe mir im Nachhinein eine Zusammenfassung angeschaut und sah absurd schöne Tore, als hätte man die Spieler des FC Barcelona mit vorgehaltener Waffe in Arminia-Trikots gezwungen. Und ich registrierte, dass ich nicht der Einzige gewesen war, der an diesem Spiel seine Freude hatte, ohne es gesehen zu haben. Beim Parallelspiel in Hannover jubelten die 96-Anhänger bei jedem Bielefelder Tor, das auf der Anzeigetafel vermeldet wurde – weil ihnen gerade ein Konkurrent um den Aufstieg abhanden kam, noch dazu einer, den sie nicht besonders gut leiden können.

Was mich betrifft: Wenn es demnächst erneut Spitz auf Knopf steht, fahre ich wieder ins Brandenburger Funkloch. Und dann kann mich Roland Emmerich mal.