Mein Fußballmoment des Jahres: Besuch bei QPR

Is this England?

In englischen Stadien ist keine Stimmung mehr? Man muss sich nur die richtigen Spiele raussuchen. Ein Nachmittag an der Loftus Road.

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Klar, der englische Fußball ist tot. Eintrittskarten kosten so viel wie ein Gebrauchtwagen, auf den Tribünen sind alkoholische Getränke verboten, man darf nicht rauchen, nicht stehen, in einigen darf man nicht mal mehr schimpfen. Wer es trotzdem macht, wird von übereifrigen Ordnern aus dem Stadion geleitet und kann sich das Spiel im nächsten Pub anschauen. Besonders schlimm ist es in Arsenals Emirates Stadium, wo die gegnerischen Fans gerne singen »Is this a library?«, weil es so still ist wie in einer Stadtbücherei.

Warum also schaut man sich überhaupt noch englischen Fußball live im Stadion an?

Vielleicht weil man gar nicht anders kann, wenn man am Spieltag, when saturday comes, durch London fährt. Wenige Stunden vor Anpfiff verwandelt sich diese Stadt immer noch zu einem Wimmelbild der englischen Fußballkultur und all die Bahnstationen – White Hart Lane, Fulham Broadway, Charlton – werden zu Punkten einer riesigen Fußballlandkarte. An den Bahnhöfen warten Full-Kit-Wanker in Arsenal-Outfits. Akkurat gescheitelte Crystal-Palace-Boys mit gebundenen Strickschals über ihren Bomberjacken. Bärtige Craft-Bier-Trinker mit Dulwich-Hamlet-Pin am Cap. Zahnlose Schränke mit halbfertigen West-Ham-Tattoos am Hals. Und sobald man es sich so richtig gemütlich gemacht hat im Klischee-Wunderland, springt in Southwark einer im Hugo-Boss-Zwirn und Millwall-Rosette in die Bahn. 

Kirmesmusik statt Flutlichtmasten

Wenn man an der Haltestelle Shepherd's Bush Market aussteigt und die Uxbridge Road entlangspaziert, vorbei an den Caribbean-Takeaways-Stores und Cornrow-Salons,  sieht man über den Dächern der umliegenden Wohnhäuser die Flutlichtmasten der Loftus Road, in dem die Queens Park Rangers ihre Heimspiele austragen. Vielleicht komme ich deswegen auch heute noch zum Fußballgucken nach England. Weil dieses Bild, so kitschig es auch wirkt, in Deutschland sehr selten geworden ist. Hier entstanden nach der Jahrtausendwende reihenweise sterile Neubauten, die sich Multiplexarenen nennen und aussehen wie architektonische Stangenware. Sie unterscheiden sich nur in ihrer Größe. Flutlichtmasten haben die wenigsten, dafür wird man mit lauter Kirmesmusik empfangen.



Natürlich ist der Verein mit seinem malaysischen Investor kein Gegenmodell zum Turbokommerz mehr, und auch die Loftus Road hat zahlreiche Modernisierungen erlebt. Aber das Stadion steht seit 1904 an diesem Ort, gut geschützt von einer Backsteinsiedlung, als wollte es sich verstecken vor dem modernen Fußball. Es riecht nach Sieg und Bier und nach Sensation – und zwar in sämtlichen Quer- und Nebenstraßen. 

Terry-Butcher-Taktik

Am 28. Oktober 2017 gastieren hier die Wolverhampton Wanderers. Wir sitzen am äußeren Ende der Gegengerade, die sich Ellerslie Road Stand nennt. Rechts neben uns die QPR-Fans, in 20 Metern Entfernung, auf dem School End hinter dem Tor, sitzen oder stehen die Auswärtsfans der Wolves. Die Beinfreiheit ist erstaunlich gut – zumindest für Menschen, die nicht größer als 1,50 Meter sind. Alle anderen müssen nach Abpfiff aus den Sitzen geschnitten werden.

Es entwickelt sich eine flotte Partie, was auch daran liegt, dass sich die Trainer offenbar zuletzt zu Zeiten von Terry Butcher und Chris Waddle mit Taktik beschäftigt haben. Das Spielfeld gleicht bald einem riesigen Flipperfeld. Alle paar Minuten fliegt der Ball gegen den Pfosten, die Latte oder an die Bande hinter dem Tor. Auch sonst ist das Spiel – wenn man den Preis- und Ticketwahnsinn vergisst – eine Reise in die Achtziger.

Der coolste Typ der Loftus Road

Drei Reihen hinter uns steht ein Typ, den der englische Fußball hier irgendwann vor 30 oder 40 Jahren abgestellt und vergessen hat. Der Mann ist etwa 60 Jahre alt und hat seine rotbraun gefärbten Haare zu einem Bob gekämmt. Er trägt eine Lederjacke und hat den Kragen nach oben gestellt. Dazu eine Schlaghose, die er vermutlich seit Queens Parks legendärer Vizemeisterschaft 1976 nicht mehr ausgezogen hat. In seinem Gesicht zeichnet sich eine Landkarte der schottischen Highlands ab. Ein Typ, dem man nachts in einer Kneipe dabei zusehen kann, wie er auf einem portablen Plattenspieler Beat- und Northern-Soul-Singles auflegt. Einer, der mit seinem Motorrad direkt in die Fankurve hineinfährt. Bisschen Pete Townshed zu »My-Generation«-Zeit, viel »Happy-Days«-Fonzie.

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