Mein Fußballmoment des Jahres: Aufstieg in Meppen

Bis zum letzten Schuss

Die Geschichte in Meppen ist eine des Scheiterns. Bis zum 31. Mai dieses Jahres, als der SV Meppen aufstieg. Unser Autor war dabei, sein Vater auch.

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Nein, das würde ich mir nicht ansehen. Nach dem ersten Elfmeter hatte ich mich entschieden. Kein Blick mehr aufs Spielfeld, die Augen waren auf die rauen Holzbänke unter mir gerichtet. Ich hörte Menschen schreien und rufen. Schulterklopfen. Herzrasen. Alles zu viel.

Fußball in Verbindung mit übermäßigen Emotionen waren mir stets suspekt gewesen. Natürlich, in den großen Spielen begannen irgendwann die Beine zu zittern. Wenn der Spannungsbogen über Gebühr strapaziert wird, dann ist es nachvollziehbar, dass Stadionbeton bebt. Und auch wenn Bill Shankly im übertragenen Sinne recht hat, hängen Leben und Tod nicht vom Fußball ab, dachte ich. Dann kam der SV Meppen.

»Finde ich nicht schlecht«

Mein Vater ist ein introvertierter Mann. Niemand, der zu plötzlichen Gefühlsausbrüchen neigt und wohl auch deshalb ist unser Verhältnis eher von Autorität geprägt. Wahrscheinlich und natürlich sorgt sich mein Vater nur darum, dass seine Kinder die gleichen Fehler wie er begehen könnten. Und seine Erziehung führte schließlich dazu, dass mein Bruder und ich seine Entscheidungen nicht oft infrage stellten, aber eben auch sonst nur selten tiefergehende Worte miteinander wechselten. Ein »Finde ich nicht schlecht« von ihm kam zu dieser Zeit oft einem Sonderlob gleich.

Nur an einem Ort war das immer anders: auf dem Fußballplatz.

Zwei Jahre trainierte mein Vater unsere Mannschaft. In der D-Jugend, dessen Kern bis heute freundschaftlich verbunden ist. Wenn mein Vater den Ballsack aus dem Kofferraum hievte, begannen für mich die glücklichsten Stunden meiner Kindheit. Mit Freunden und Freude auf den abgelegenen Trainingsplätzen meiner Heimat umrahmt von Douglasien und dunklem Sand.

Der Daumen

Und am Seitenrand mein Papa, der aus sich herausging. Extra-Einheiten im Schnee organisierte und freiwillig zu entfernteren Turnieren fuhr. An was ich mich aber besonders erinnere, war sein Daumen. Nach jedem Tor, nach jeder guten Aktion, stand er an der Linie und reckte seinen Daumen. Sonst nichts, aber es bedeutete mir alles. Also schoss ich Tore, strengte mich an und schaute anschließend sofort zur Seite. Da war dann der Daumen. So viel mehr als ein »Finde ich nicht schlecht«. Ein echtes »richtig gut gemacht«.

Nebensächlich, dass wir zu dieser Zeit einen ganz guten Fußball spielten. Zwei Wochen vor Saisonende fehlte uns ein einziger Sieg, um im Finale der Kreismeisterschaft zu stehen. Und natürlich vergeigten wir es. Erst ein Unentschieden gegen den Stadtrivalen Union. Wir verschossen in letzter Minute einen Elfmeter. Dann, am letzten Spieltag, zitterten unsere Beine schon vor Anpfiff. Weil auf dieser platten Wiese in Herzlake kein Beton zum Beben oder nur zum Dahinter-Verstecken zu finden war, gingen wir einfach unter. 0:4 nach zehn Minuten. Es tut mir bis heute sehr leid.