Mein Fußballmoment des Jahres (1): Besuch in Bologna

Wenn das die Krise des italienischen Fußballs ist, dann her damit

Ansonsten aber bleibt das Stadion gelassen. Einzelne, gelungene Szenen werden mit »grande« oder »bravo« quittiert. Die Fankurven beider Anhängerschaften singen hin und wieder Lieder, deren Melodien man auch in Bundesliga-Stadien zu Gehör bekommt. Der Einheitsbrei als Kollateral-Schaden des Glücks. Immerhin verbreiten die Ultras entgegen deutscher Gewohnheiten kein Gefühl emotionaler oder fußballerischer Deutungshoheit.

Dass das Stadion nicht ausverkauft ist, dass es nur einen einzigen Verpflegungsstand für eine ganze Kurve gibt (mit Kaffee aus der Siebträgermaschine) und dass der Ticketkauf wegen der vorgeschriebenen, umständlichen Personalisierung und dem Umstand, dass überhaupt nur ein Schalter geöffnet ist, länger dauert als der Besuch eines deutschen Bürgeramtes an einem schlechten Tag - ganz egal.

Wenn das die Krise des italienischen Fußballs ist, dann her damit

»Einige Leute halten Fussball für eine Frage von Leben und Tod. Ich bin von dieser Einstellung sehr enttäuscht. Ich versichere Ihnen, dass es viel viel wichtiger als das ist«, sagte Bill Shankly einst. Die elenden Engländer würden vermutlich zustimmen. Weil das in ihrem Folklore-Handbuch, das sie sich auf ihre dummen, störenden Synapsen tätowiert haben, so geschrieben steht.

Die Menschen aus Bologna würden wohl antworten: Gut gesprochen, mein Freund. Aber lass uns in Ruhe das Spiel zu Ende schauen. Danach gehen wir in eine Salumeria, holen uns Brot und Käse und setzen uns in einer Bar auf ein paar Gläser Wein zusammen.

Und säße der deutsche Fußball dann mit am Tisch, und würde gefragt, er würde, sofern er nüchtern im Geist und trunken vor Glück wäre und also bei Verstand, antworten: Wenn das die Krise des italienischen Fußballs ist, dann her damit.

Von den elenden Engländern mal abgesehen.