Mein erster Stadionbesuch (#9)

Ralf Balzis, Fußballgott

Ralf Balzis war ein durchschnittlicher Fußballprofi. Im März 1986 wurde er allerdings zum besten Stürmer der Welt – zumindest für unseren Autor.

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Am 15. März 1986 sah ich verdammt gut aus. Meine Strick-Handschuhe waren mit einem Wollfaden verbunden und baumelten aus den Ärmeln meiner weinroten Skijacke. Auf dem Kopf trug ich eine ockerfarbene Strick-Sturmhaube, die ich normalerweise nur überzog, wenn wir Schlittenfahren gingen. Darüber hatte mir meine Mutter eine Pudelmütze gestreift, auf deren Vorderseite die Worte »HSV – Deutscher Meister 1979« eingestickt waren, und um meinen Hals wickelte sie mir einen schier endlos langen blau-weiß-schwarzen Schal. Schließlich zog sie mir noch Stiefel an, die aussahen, als könnte man mit ihnen den Mond besteigen.
 
Als alles verschnürt und verpackt war, sagte sie: »Gut«, und mein Vater fragte: »Können wir endlich los?« Ich sagte gar nichts, denn ich war damit beschäftigt, in meinem Strick-Raumanzug Luft zu bekommen.

Barcelona, Rio de Janeiro, Uerdingen
 
Wenige Minuten später saßen wir in unserem weißen VW Passat und fuhren nach Hamburg-Stellingen. Draußen herrschten seit Tagen arktische Temperaturen, und im Auto war es unwesentlich wärmer. Doch die Aufregung, die Radio-Musik und die Erinnerungen meines Vaters ließen mich die Kälte vergessen. Während eine Frau im Radio »You're no good, can't you see Brother Louie, Louie, Louie?« sang, kramte mein Vater in Schwarz-Weiß-Bild-Geschichten aus den Sechzigern. Er erzählte von Charly Dörfel, Horst Schnoor oder Uwe Seeler, und er sagte: »Diese Männer mussten noch richtig arbeiten, um überhaupt Fußball spielen zu können.« Sie standen morgens hinter den Verkaufstresen ihrer Tankstellen oder Kioske und schnürten nachmittags für ein paar Stunden die Fußballschuhe, um gegen schier unbezwingbare Mannschaften aus Barcelona, Rio de Janeiro oder Uerdingen phänomenale Siege zu erringen, über die sie dann wieder an der ihren Zapfsäulen sinnierten – ein gutes Leben, dachte ich.
 
Fußball kannte ich bis dahin nur von der Hamburger Hoheluft, wo der chronisch mittelmäßige SC Victoria durch die Ober- oder Verbandsligen stolperte, und natürlich aus dem Fernsehen. Wenige Tage zuvor hatte ich gesehen, wie Deutschland 2:0 gegen Brasilien gewonnen hatte, wenige Wochen zuvor hatte mir Heribert Faßbender erstmals n’ Abend gewünscht. So jovial und gleichzeitig kenntnisreich hatte mich bis dahin noch nie jemand im Fernsehen begrüßt.
 
Nun also das erste Mal die große Fußballbühne, die Betonschüssel, das graue Raumschiff im Hamburger Volkspark. Mein Vater hatte sich ein besonderes Highlight für diesen besonderen Tag rausgesucht: das Spiel gegen den 1. FC Saarbrücken am 27. Spieltag der Saison 1985/86, Fünfter gegen Siebzehnter.

»Wer wird Deutscher Meister? H – H – H – HSV!«
 
Als wir die Südtribüne erklommen, öffnete mein Vater die Tupperdose und verstaute sie prompt wieder in der Tasche. Meine Mutter hatte vier Schwarzbrote hineingepackt und zwei Äpfel. Wir gingen zum Wurststand, und drei Männer mit Jeanswesten und Lederjacken hoben mich über ihre Schultern bis nach vorne. »Hier, der Buttje will drei Bier«, röhrte der eine, die anderen lachten sich scheckig und röhrten mit: »Und noch drei Kurze für den Kurzen!« Einer erklärte derweil schreiend, dass der HSV die Macht von der Elbe sei, ein zweiter Mann schimpfte auf den FC Bayern und boxte einem dritten ins Gesicht, der anderer Meinung war, während ein vierter am Aufgang zur Tribüne auf die Stufen kotzte und im Hintergrund ein Lied erklang.
 
»Wir stehen Schlange vor dem Stadion, es riecht nach Bier und Sieg und nach Sensation. Die Mannschaft ist in Form und kämpft und fetzt denn Branco Zebec hat sie alle unter Dampf gesetzt. Schießt Kevin Keegan ein Tor, dann schreit es laut im Chor: Wer wird Deutscher Meister? H – H – H – HSV!«
 
Ich war keine fünf Minuten im Stadion, und ich hatte schon mehr gelernt als in drei Jahren Grundschule.
 
Dann der erste Blick ins Stadionrund. Es waren wirklich verdammt viele Menschen gekommen. 100.000 vermutlich, in einem Stadion, das 500.000 Platz bot. Als der Stadionsprecher gen Ende der Partie verkündete, dass der HSV sich bei 11.000 Zuschauern bedanke, war ich mir ziemlich sicher, dass er sich verzählt haben musste.