Mein erster Stadionbesuch (#7)

»Wir sind erste Liga!«

Ich war wieder froh und kam so schon mit sieben Jahren zu meiner ersten Fußball-Live-Reportage, als ich meiner Mutter vom Rücken herab aktuelle Spielstände durchgab: 1:0 Rocco Milde in der 40. Minute, 2:0 Steffen Baumgart in der 52. Minute, und schließlich das 3:0 in der 86. Minute durch Stefan Beinlich (hier im Bild nach seinem Treffer). »Paule« Beinlich war der Liebling aller Fans. Ganz Rostock weiß heute noch, wo er wohnt und wann er mit seinem Hund spazieren geht.

Als der Schlusspfiff ertönte, brach im Ostseestadion - diesem Stadion damals noch mit Laufbahn und riesigen hellblauen Flutlichtmasten mitten in der Hansestadt - tosender Jubel los. Beifall, den noch die Touristen am Warnemünder Strand gehört haben sollen. Es war eine Atmosphäre, wie ich sie in den kommenden Jahren nur noch einmal auf den Fanmeilen bei der WM 2006 in Deutschland wieder erlebt habe. Plötzlich war die ganze Hansestadt stolz auf ihren weißblauen Verein. Rostocker waren stolz Rostocker zu sein. Und ich hockte mittendrin immer noch auf den Schultern des Vaters, der mich trug und war elektrisiert. »Wir sind in der ersten Bundesliga, wir sind erste Liga!«, schrie ich und kletterte zu meiner Mutter hinunter.

Blaue Zäune und rote Bengalos

Auf einmal wurde der Steh- zum Rennblock. Fans eilten über die Wellenbrecher den grauen Stadionbeton hinunter. Die Hansa-blauen Absperrgitter wurden überrannt oder aufgestoßen. Es war ein irres Durcheinander, in dem alle möglichst schnell aufs Spielfeld wollten, um zusammen mit den Spielern, von denen selbst die meisten von der Ostsee kamen, zu feiern. Ich wollte restliche Autogramme einsammeln, rannte einfach mit und verlor dabei meine Mutter. Schnell fand ich mich vor den umgetretenen Zäunen wieder und staunte. Dahinter fackelten rote Bengalos und tausende Schals und Fahnen wippten in der Luft zu den Schlagerreimen der Puhdys. Die Szenerie machte mir Angst und so lief ich statt auf den Rasen zu einem riesenhaften Ordner in schwarzer Uniform.

Ich sagte ihm wie ich heiße und das meine Mutti so ähnlich aussieht wie ich nur älter. Er lächelte und wieder wurde ich auf die Schulter genommen. Während wir uns entgegen der Masse Richtung Ausgang schoben, sangen wir leise zusammen die Hymne, damit ich mich beruhigte: »FC Hansa, du bist so genial, FC Hansa, wir lieben dich total. Auch wenn du mal danebenschießt, wir sind für dich da. FC Hansa, FC Hansa!« immer und immer wieder. Als ich mit dem Security-Mann am Ausgang ankam, sah ich dort schon meine Mutter stehen. Überglücklich rutschte ich das zweite Mal an diesem Tag von hohen Schultern und ging mit ihr, immer noch die Puhdys summend, nach Hause.