Megarave im Westfalenstadion

Gegen Cottbus spielen ist wie Loveparade

Was braucht der biedere Raver eigentlich zum glücklich sein? Sonne, Musik, Droge und einen Zug. Was braucht der BVB-Fan zum glücklich sein? Sonne, drei Punkte, die Droge Borussia und Zug im Spiel. Passt! Wenn man sich dazu die Cottbuser betrachtet, die sich im Raver-Outfit präsentierten, sind die Parallelen nicht mehr zu übersehen. Während 1,2 Millionen Menschen in Essen zu Schlagbohrhammer-Rhythmen abfeierten, schwebten gegen 17:30 Uhr 64.100 beseelte Borussen zu den Klängen von „Borusssiiiaaa“ aus dem Westfalenstadion. Drei Punkte. Super-Gau verhindert. Mit Kampf zum Sieg. Das macht Mut.

Borussia spielte auf drei Positionen verändert. Brzenska rückte für den im Derby desolat agierenden Kovac ins Team, Degen durfte wieder auf der rechten Abwehrseite ran, Kringe spielte links in der Mittelfeldraute. Federico rückte für Klimowicz ins Team und übernahm die Spielmacherrolle. Auf der Torhüterposition kam Marc Ziegler zu seinem zweiten Pflichtspieleinsatz für schwarzgelb und vertrat den gesperrten Roman Weidenfeller.

Die BVB-Fans präsentierten ein Spruchband mit einem berechtigten Seitenhieb in Richtung DFB als Reaktion auf die Sperre Roman Weidenfellers „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den DFB“. Leider wurden die Ungerechtigkeit und der völlige Unsinn, dieses Urteils in der Presse völlig unterschlagen. Aber genug davon.

Hälfte eins

Nach einem beherzten Weckschuss der Cottbusser in der 31. Sekunde legte Borussia dann auch direkt mit Vollgas los und zeigte von Beginn an mit beherztem Offensivspiel mit „One Shot per Minute“, wer Herr im Westfalenstadion ist. Minute 2 brachte den ersten gefährlichen Kopfball von Valdez nach Federico-Ecke. In Minute 3 zog Federico dann selbst ab und der abgefälschte Schuss ging knapp am Tor vorbei. In der siebten Minute war dann endgültig bei jedem Stadionbesucher der miese Saisonstart aus dem Kopf verschwunden.

Doch Petric traf aus 16 Metern nur den Pfosten. Eine Minute später ergab sich aus Borussias Offensiv-Zug eine weitere Chance durch Brzenska, der jedoch einen Kopfball über das Tor setzte. In der Defensive stand Borussia in der Anfangsphase sicher, sieht man von kleineren Aussetzern von Degen und Brzenska im Zweikampf mit Kioyo ab. Borussia schaffte es dieses Mal, sich in das Spiel reinzukämpfen und es machte Freude dieser Mannschaft dabei zuzusehen.

In Minute 13 erkämpfte sich Federico mit viel Einsatz einen Ball im Sturm und Kuba verzog nur knapp. In den folgenden Minuten verflachte das Spiel zunehmend und verlor durch einige Verletzungspausen an Tempo und ähnelte jetzt eher elektronischen Chillout-Klängen. Auffällig war lediglich der Zusammenprall zwischen Kioyo und Degen, nach dem der Schweizer minutenlang über den Platz humpelte, aber trotzdem durchhielt. Gut so, denn in Minute 23 zog er beherzt aus halbrechter Position ab und das Netz zappelte. Jedoch nur das Äußere.

Liebe lag in der Luft. Die Versöhnung nahm ihren Lauf, Borussia war überlegen und die Stimmung wie auf der Loveparade. Einziger Unterschied: Die Droge hier hieß Borussia und es fehlte eigentlich nur noch eins: Ein Törchen. Dede wuselte ein ums andere Mal quer über den ganzen Platz um auch den Fans auf der Osttribüne etwas bieten zu können und stiftete damit Chaos in der Cottbuser Hintermannschaft, die mit diesen ständigen Positionswechseln völlig überfordert war. Leider wars dann meist an der Strafraumgrenze mit der Herrlichkeit vorbei, denn Borussias vorderste Front nahm sich doch sehr viel Zeit zur Verarbeitung der ankommenden Zuspiele. Degen agierte in dieser Phase auffällig nach vorne und anfällig hinten. Bizarr wurde es zuweilen, wenn im Mittelfeldbereich eine 20 Meter breite Lücke ohne irgendeinen Feldspieler zu beobachten war. Diesen Raum nutzte meist Kuba, indem er einen seiner vielen Sprints ansetzte um die demilitarisierte Zone zu überwinden.

In der 37. Minute versuchte Dede nach einer verunglückten Abwehr von Piplica den Zauberheber aus 35 Metern und scheiterte denkbar knapp. Das wäre ein verdienter Lohn für Dedes aufopferungsvollen Kampf gewesen. Als sich dann fast jeder im Stadion mit einem 0-0 zur Halbzeit zufrieden geben wollte, weil man ja ein engagiertes und kämpferisches Spiel der Borussia gesehen hatte machte es BAM! Florian Kringe hatte offensichtlich keine Lust mehr auf Ballgeschiebe im Strafraum und hämmerte einen Schuss aus 23,52 Metern unter kleiner Mithilfe von Piplica in den linken Winkel. Der erleichterte Jubel dürfte bis nach Essen zu hören gewesen sein. Nun schmeckte die Halbzeitbratwurst schon viel besser!

Hälfte zwei

Für den angeschlagenen und unauffälligen Mladen Petric brachte Thomas Doll zur zweiten Halbzeit Diego Klimowicz, der im Derby noch durch bittere Orientierungslosigkeit aufgefallen war. Ebi Smolarek, sonst eine Alternative, saß derweil beim Paella-Essen. Man merkte, dass Petrik Sander seinen passiven Jungs in der Kabine die Ohren langgezogen hatte. Um die 50. Spielminute herum brannte es im BVB-Strafraum wie in den Wäldern Südeuropas. Die Zuschauer sahen fünf Energie-Eckbälle in fast unmittelbarer Folge und eine schwatzgelbe Hintermannschaft, die so ihre Mühe hatte. Auf der anderen Seite prüfte Dede Piplica mit einem Freistoß, dem der Schlussmann sicherheitshalber mit beiden Fäusten begegnete. Der BVB fand wieder besser ins Spiel und überwand das Mittelfeld in angenehm hohem Tempo. In der 58. Minute wurde Kuba schön auf halbrechts freigespielt, bekam die Kugel aber nicht unter Kontrolle. Nur eine Minute später jagte der schwächer gewordene Degen das Spielgerät in aussichtsreicher Überzahlsituation in die Wolken. Der Versuch einer Flanke. Energie war jetzt überraschend weit aufgerückt, was immer wieder Konter zuließ.

Ein wackelndes Tornetz ließ in der 65. Minute die Fans toben, wenn auch nur kurz. Giovanni Federico, auch er durfte mal, hatte einen Freistoß knapp neben den Pfosten gesetzt. In der 70. Minute setzten sich der gerade eingewechselte Delron Buckley und Diego Klimowicz gegenseitig in Szene. Nach schöner Kombination bediente der Mann mit der Nummer 26 schließlich den Hünen, der den Ball mit rechts ins lange Eck rauschen ließ. 2-0. Und der Einsatz des oft gescholtenen Südafrikaners sollte sich noch mehr lohnen. Mit ihm kamen mehr Belebung und Ballsicherheit ins Spiel. Neun Minuten später machte Buckley am linken Strafraumeck selbstbewusst zwei Gegner frisch und visierte wieder den Argentinier an, der aber nur noch den kleinen Zeh an den Ball bekommen konnte. Daneben. Gleich in der nächsten guten Aktion wurde der kleine Stürmer ordentlich gelegt. Glatzkopf Buckley suchte kurz vor Ende des Spiels noch einmal seinen Sturmpartner. Mit einer schönen Flanke von links fand er dessen lange Mähne, sträflich ungedeckt, die problemlos Zählbares produzierte. 3-0. Die Fans sangen von einem gewissen BVB, der wieder da sei. Etwas voreilig, ob der schweren Aufgabe in Rostock. Ob von den Cotbusser Spielern nach Abpfiff noch jemand zur im Stadion angespielten House-Musik tanzte, ist nicht überliefert.