Massimilian Porcello im Interview

»Juninho ist ein Phänomen«

Eine Verletzung hindert Massimilian Porcello vom KSC momentan daran, seine stärkste Waffe einzusetzen: den Freistoß. Ein Meister seines Faches über Flatterbälle, Varianten und eigene Youtube-Clips. Massimilian Porcello im InterviewImago Massimilian Porcello, haben Sie das Freistoßtor von Juninho in der Champions League gegen Barcelona gesehen?

Ja sicher. Ein Wahnsinns-Ding.

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Es sah erst so aus, als ob der Ball weit über die Latte fliegen würde, stattdessen senkte er sich doch noch hinter Valdez ins Tor. Wie macht der das?

Gute Frage. Juninho ist für mich der beste Freistoßschütze der Welt, da kommt kein Ronaldinho, kein Ronaldo dran. Wenn der sich den Ball zu Recht legen kann, wird es immer unglaublich spannend. Ich erinnere mich an das Spiel von Lyon gegen Florenz, da hat er zwei Standards aus mehr als 30 Metern an die Latte gehauen. Und Frey (Sebastian Frey, Torhüter vom AC Florenz, Anm. d. Red.) hat einen Gesichtsausdruck gemacht, als wollte er sagen: ich kann da nichts machen! Als das Tor gegen Barca fiel habe ich gerade Inter gegen Manchester geguckt und als die Nachricht vom 1:0 auf meinem Handy ankam habe ich gleich gedacht: Freistoß von Juninho! Dem Kerl ist immer ein Tor zuzutrauen. Juninho ist ein Phänomen.

Eine physiologische Erklärung haben Sie aber auch nicht parat?

Vielleicht liegt es daran, dass er kleine Füße hat? Nicht unerheblich ist auch, dass er seine Tore meist mit dem Adidas-Ball schießt, der ist relativ leicht und flattert schnell. Nur: die meisten Fußballer lassen den Ball durch Zufall flattern, Juninho macht das immer so. Er bringt auch gar nicht so viel Kraft hinter die Schüsse, das ist alles nur eine Frage der Technik. Torhüter können seine Schüsse nicht berechnen. Auffällig ist, dass er beim Schuss eine ganz spezielle Fußstellung hat, er schießt ja fast mit dem Vollspann. Würde ich das so machen, der Ball wäre gleich im Oberrang. Meine Schusstechnik ist eine ganz andere.

Nämlich?

Ich treffe den Ball mit einer anderen Fußstellung. Von zehn Schüssen fängt vielleicht einer an zu flattern, im Spiel hast du aber meist nur ein oder zwei Gelegenheiten.

Versuchen Sie im Training Juninho nachzuahmen?

Klar, wer nach dem Training noch Lust hat, haut ein paar Bälle aufs Tor. Wir fragen uns in der Mannschaft ja auch, wenn Juninho trifft: wie hat er das denn jetzt gemacht? Andere Spezialisten, wie Christiano Ronaldo oder Pirlo haben auch ihren eigenen Stil und eine ganz anständige Trefferquote. Aber ich bin mir sicher: auch Ronaldo und Pirlo versuchen so zu schießen, wie Juninho. Die würden so etwas nur nie öffentlich zugeben. 



Sie selbst gehören in Deutschland zur Elite der Freistoß-Spezialisten. Welche Kollegen gefallen Ihnen denn noch?

Christian Pander von Schalke ist ein sehr guter Schütze. Die Technik bei Flanken und Freistößen ist klasse und was mir besonders an ihm gefällt: er bringt die Freistöße immer aufs Tor. Da ist immer die Chance, dass mal ein Tor fällt. Tja, wer noch? Helfen sie mir weiter?

Vielleicht Sejad Salihovic aus Hoffenheim?

Oh ja, der auf jeden Fall. Salihovic hat auch wieder eine ganz andere Schusstechnik. Da müssen sie mal drauf achten, der steht sehr schräg, fast parallel zur Mauer und dann zieht er den Ball so. Seine Technik ist meiner gar nicht so unähnlich: ein Schlenzer mit viel Tempo, der dann rechtzeitig vor dem Tor wieder runterfällt.

Gibt es denn so etwas, wie klassisch-konservative oder modern-ausgefallene Freistoßvariante?

Der klassische Versuch ist ja der, den Ball mit Schnitt und Geschwindigkeit über die Mauer aufs Tor zu bringen. Dann ist der auch meistens drin. Über die Jahre haben sich die Torhüter aber auch darauf eingestellt und begonnen zu spekulieren teilweise noch vor dem Schuss in die Ecke zu gehen, die von der Mauer abgedeckt werden soll. Was machen also die Schützen? Sie zielen in die Torwartecke. Ich habe auch schon einige Tore so geschossen, obwohl ich eigentlich dachte: den muss er doch haben, wenn ich in seine Ecke schieße! Über die Jahre habe ich gelernt: ein Schritt vom Torhüter in die falsche Richtung kann schon ausreichen.

Was ist mit richtigen Freistoß-Varianten?

In unserem Aufstiegsjahr sind uns einige Tore mit einer bestimmten Variante gelungen, die hat erstaunlich häufig funktioniert. Eines davon war sogar das Aufstiegstor gegen Unterhaching. Bradley Carnell und ich stehen am Ball, der Torwart weiß nicht: schießt Porcello, oder schießt Carnell? Federico stand in der Mauer, Bradley und ich laufen beide an, er läuft über den Ball, ich passe auf Federico, der sich gelöst hat und seinen Querpass verwertet schließlich Kapplani. Das war das 1:0 gegen Haching. In der 2. Liga hat das sehr oft geklappt, was auch daran lag, dass wir unglaublich gut eingespielt waren. In dem Jahr hat alles geklappt.

Günther Netzer hat mal das »Tor des Jahres« erzielt, in dem er eine angelupfte Freistoßvorlage volley unter die Latte geknallt hat. Wäre das nicht mal eine schöne Idee für den KSC?

Im Training schon. Da hast du aber erstens mehr Gelegenheiten und zweitens geht es nicht um Punkte. Jetzt stellen sie sich vor, im nächsten Heimspiel versuchen wir diese Variante und der Vorlagengeber bekommt den Ball nicht unter den Fuß, der Ball geht sonstwo hin… Die Zuschauer würden ausrasten. Ribery kann sich das vielleicht erlauben, versaut sich Karlsruhe damit eine mögliche Torchance im Abstiegskampf, haben unsere Fans dafür sicher kein Verständnis.

Eines Ihrer berühmtesten Freistoß-Tore ist der Treffer aus 45 Metern gegen Hansa Rostock.

Gegen Rostock hatte ich mehrere Möglichkeiten. Ein langes Ding, einfach hoch nach vorne. Oder einen Querpass, um das Spiel neu aufzubauen. Aber in der Situation hat sich keiner wirklich angeboten, also dachte ich: probier doch mal! Wenn der Ball anfängt zu flattern… Letztlich war es ja erfolgreich. Bei solchen Freistößen entscheidet das Gefühl. Später hatte ich gegen Bayern München einen ähnlichen Versuch, nur ist der Ball dabei drei Meter neben das Tor geflogen. Die Flugbahn war trotzdem schön.

Das heißt, wenn Sie ein gutes Gefühl haben, würden Sie es auch von der Mittelline versuchen?

(überlegt) Das wäre dann doch sehr weit weg vom Tor. Die Distanz beim Rostock-Tor war schon das Maximum. Von dort würde ich es aber immer wieder versuchen. Jedes fünfte Spiel ungefähr.

Welche Freistöße schauen Sie sich denn am liebsten an?

Ich bin fast täglich im Internet und ziehe mir auf Youtube alles rein, was mit Freistößen zu tun hat. Juninho, Maradona, Beckham – das ist einfach geil, da kann ich nie genug von bekommen! Ich bin ein Freistoß-Liebhaber.

Und Ihre eigenen Freistöße?

Gucke ich mir auch an, wenn ich zufällig ein Video finde. Ist ja auch ganz nett, sich das noch einmal anzuschauen. Beim Rostock-Tor denke ich jedes Mal: Nicht schlecht, von da mal draufzuhauen.