Martin Jol allein zu Haus

Warten auf van der Vaart

Der niederländische Fußballlehrer Martin Jol versucht, sich auf die Verhältnisse beim HSV einzustellen. Fast ist es ein wenig wie beim FC Bayern: Neuer Trainer mit großem Stab, neues Trainingszentrum, aber wenig neue Spieler. Martin Jol allein zu Hausimago images
Den ersten öffentlichen Eindruck vom neuen Trainer hatte um 9.55 Uhr eine ältere Dame, die sich zusammen mit etwa 450 Fans aufgemacht hatte zum ersten Training des Hamburger SV in der Saison 2008/2009. Charmant gab ihr der neue Chefcoach Martin Jol, 52, die Hand, bevor er mit seiner Baseballkappe zur ersten Übungsstunde auf das neben der Arena gelegene Feld stapfte. Dort fiel dann auf, dass er Spieler zuweilen gern umarmt, dass er in regelmäßigen Abständen das Spiel unterbricht, um zu korrigieren. Und vor allem fielen seine Mitarbeiter auf. So groß war noch kein Trainerteam beim HSV.

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Neben Torwartcoach Claus Reitmaier und Athletiktrainer Markus Günther, die schon länger dabei sind, waren drei weitere Übungsleiter dabei: Zeljko Petrovic als Assistent, der früher schon bei Jol Spieler und Cotrainer beim RKC Waalwijk war. Ricardo Moniz, der schon bei Jols letztem Klub Tottenham Hotspur dabei war und die Spieler vor allem technisch besser machen soll. Und Michael Lindeman, ein Niederländer natürlich, der für die Fitness zuständig ist, aber keine Medizinbälle mag.

Abschied von Pablo Sorin

Und dann ist da noch etwas, was die Zuschauer nicht sehen können, weil es sich im Bauch des Stadions befindet: »Ein neues Gym, wie ich es noch nicht gesehen habe«, sagt Jol. Ein neues Trainingszentrum inklusive Tartan-Bahn in der Kabine, in dem Leistungsdiagnostiker Manfred Düring mit Computern und etlichen Geräten zum Beispiel die Sprungkraft der Profis verbessern, oder mit einer Gang-Analyse mögliche Beschwerden ausmerzen kann. In der Halbzeit können zudem schon wichtige Spielszenen gezeigt werden. Es ist ein wenig wie beim FC Bayern: Neuer Trainer mit großem Stab, neues Trainingszentrum, aber wenig neue Spieler.

Beim HSV sind es erst zwei einstige Freiburger: U21-Nationalspieler Dennis Aogo, 21, ein Abwehrmann, und Jonathan Pitroipa, 22, ein schneller Offensivmann aus Burkina Faso. Man könnte sagen, dass dies eventuell etwas wenig ist, um als deutsche Nummer vier »den Vorsprung der Schalker und Bremer wettzumachen«, wie Klubchef Bernd Hoffmann es als Ziel für die nächsten drei bis fünf Jahre ausgegeben hat. Besonders Schalke hat ja in Farfan und Engelaar Spieler verpflichtet, die nicht aus der Portokasse zu bezahlen waren.

Wie also geht Jol damit um, dass beim HSV inzwischen sehr viele Talente unter Vertrag sind, aber wenig Geld für weitere Prominenz? »Wir haben eine gute Truppe«, sagt Martin Jol. Man werde aber, wenn es möglich sei, »nur noch Extraklasse« holen. Einen ersten Schritt hat der HSV gerade getan, um etwas mehr Mittel zur Verfügung zu haben. Juan Pablo Sorin, 32, der frühere Kapitän Argentiniens, der fast nur verletzt war, wird den Verein trotz des bis 2009 laufenden Vertrages verlassen. Derzeit wird mit den Anwälten über eine Abfindung verhandelt. Da könnte der HSV bei einem Jahresgehalt von über drei Millionen Euro bis zu zwei Millionen sparen.

Keine interessante Offerte für Van der Vaart

Auch über Mohamed Zidan und Thimothee Atouba ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Atouba ist, wie die anderen Afrikaner Guy Demel und Pitroipa, wegen WM-Qualifikationsspielen ihrer Länder noch ebenso im Urlaub wie die meisten Teilnehmer an der Europameisterschaft. Doch Zidan wurde gleich beim ersten Training zweimal von Jol heftig kritisiert. Die Frage ist, ob der kindliche Profi einen Klub findet, der zumindest einen Teil der zwischen 5,8 und sieben Millionen Euro Ablöse zahlt, die er im vergangenen Jahr kostete.

Und natürlich steht Raphael van der Vaart, der bislang wichtigste HSV-Spieler, stets auf dem Sprung, falls ein großer Verein ein Angebot machen sollte. Bislang aber gab es keine interessante Offerte. Und Sportchef Dietmar Beiersdorfer hat versucht, in Gesprächen mit dem Holländer einer ähnlichen Situation wie im vergangenen Jahr vorzubeugen, als van der Vaart kurz vor dem 31. August zum FC Valencia wechseln wollte. Man habe eine Absprache, dass ein Angebot nach Saisonbeginn nicht mehr akzeptiert werde, sagte Beiersdorfer.

Vielleicht hat der Regisseur auch Lust, den neuen One-Touch-Fußball des Offensiv-Verfechters Jol umzusetzen. Zumal man, wie Beiersdorfer sagt, bald »einen sehr offensiven Spielstil im Repertoire« haben werde, was unter Jols Vorgänger Huub Stevens nicht der Fall war. Vorerst hat van der Vaart angekündigt, am 11. Juli beim HSV »gerne« seinen Dienst anzutreten. Gehe er doch, sagt der durchaus witzige Jol, werde man »weiteratmen«. Überhaupt habe er »keine Beschwerden«, meldete Jol vorerst. Er wohne »in einem der besten Hotels der Stadt«. Bald werde sein neues Haus im feinen Othmarschen fertig. Dort wird auch sein Bruder Cornelius einziehen. Der ist jetzt ebenfalls HSV-Angestellter. Als Jols persönlicher Referent.