Martin Fenins Widerruf

»Trinkt der noch?«

Es gibt zahllose Gelegenheiten, das Missverständnis aus der Welt zu räumen – Fenin lässt sie alle verstreichen. Pressetermine, Interviews, wie es mit der Krankheit gehe, will einer der vielen Journalisten wissen, der an der Pressekonferenz zu Fenins Rückkehr ins Cottbuser Mannschaftstraining teilnimmt. Fenin ist nervös, redet hektisch über die überstandene Hirnblutung und verstrickt sich in vagen Aussagen. Nur der engste Familienkreis wisse, was wirklich passiert sei, und das solle auch so bleiben, nuschelt er ins Mikro. Er meint damit, dass er sich nicht erinnern kann und dass die Version in der Presse nicht stimmt. Dass seine Worte wie das Eingeständnis eines Suizidversuchs klingen, ist ihm nicht bewusst. Er ist lost in translation, dauerhaft.

»Ich dachte, ich komme aus der Nummer raus, wenn ich Leistung bringe«, sagt er heute. Aber er steckt in der Schublade des depressiven, trinkenden Problemprofis fest. Während er wegen seiner Hirnblutung immer noch nicht trainieren darf, versucht sich der Schiedsrichter Babak Rafati vor einem Bundesligaspiel das Leben zu nehmen. Eine psychische Erkrankung dürfe kein Stigma sein, heißt es in Fußballdeutschland. Für einen, der gar nicht psychisch krank ist, wird sie es doch. »Trinkt der noch?«, fragt der Trainer eines deutschen Zweitligisten noch zwei Jahre nach dem Unfall, als ein Transfer Fenins zur Debatte steht. »Nein«, sagt der Sportdirektor. Der Trainer lehnt trotzdem ab.

Zwischen dem Cottbusser Fenstersturz und dem regnerischen Tag in Istres liegen nur drei Jahre, Fenins Karriere hat in dieser Zeit gelitten. 2013 verlässt er die Lausitz, seine damaligen Berater fädeln einen Transfer zu Slavia Prag ein, ohne dass Fenin von dem Wechsel wirklich überzeugt ist. Nach einem erfolglosen Jahr geht er zurück zum FK Teplice, wo er als Jugendspieler seine Karriere begann. Ein halbes Jahr später stirbt überraschend Vereinspräsident František Hrdlicka, der eine Art Ziehvater für Fenin ist, und mit dem er lediglich einen mündlichen Vertrag geschlossen hat. Plötzlich ist er im Verletzungsfall nicht versichert, nirgends ist ein Gehalt festgeschrieben. Er ist de facto vertragslos und einen Berater hat er auch nicht mehr. Ein Kumpel ruft an, Mario Licka, mit dem Fenin bei Slavia Prag zusammengespielt hat. In Istres brauche man einen fähigen Stürmer, sonnig sei es auch, ob Fenin nicht Lust habe, beim Wiederaufstieg in die zweite französische Liga zu helfen. Warum nicht, denkt Fenin, und packt seine Koffer.

»Der Verein hat nur versucht, mich zu schützen.«


»Dass er jetzt da ist, wo er ist, ist allein seine Schuld«, sagt Miroslav Kadlec, und man ist versucht, dem zuzustimmen. Vielleicht nicht in dem Sinne, in dem Kadlec das meint, der eher auf zu viele Partys und zu wenig Professionalität während einer entscheidenden Karrierephase abzielt. Vielmehr offenbart Fenin manchmal eine Art Naivität, eine jugendliche Unbedarftheit, mit der er arglos durch die Welt geht und die ihn falsche Entscheidungen treffen lässt, ohne dass er sie als solche erkennt. Zu oft um die Häuser ziehen, ohne Vertrag Fußball spielen, überstürzt an die Côte d’Azur wechseln. Oder eben versuchen, fundamentale Missverständnisse auszusitzen, die nicht aussitzbar sind. »Ich bin einer, der manchmal Scheiße baut«, sagt Fenin und lächelt. Man wünscht ihm einen großen Bruder, der ihm mal den Kopf wäscht, oder einen fähigen Berater, der ihm im richtigen Moment zu den richtigen Dingen rät.

Auch in Istres läuft es nicht so wie geplant. Der Absteiger kämpft auch in der dritten Liga um den Klassenerhalt, einige Führungsspieler haben den Klub im Winter verlassen. »Mir geht es hier nicht schlecht. Aber Wohlfühlen sieht anders aus«, sagt Fenin. »Ich brauche eine familiäre Atmosphäre, die hatte ich zuletzt in Frankfurt und Teplice, auch eine Weile in Cottbus, nach dem Unfall.« Ohnehin verliert er über Energie kein böses Wort. »Der Verein hat nur versucht, mich zu schützen. Alle waren sehr nett zu mir.« Noch mindestens bis zum Sommer ist Martin Fenin beim kleinen Drittligisten an der Côte d’Azur, ob er bleibt, steht in den Sternen. »Ich bin fit und will angreifen. Aber selbst als ich ablösefrei war, hat niemand angerufen. Davon könnte man depressiv werden«, sagt er. Aber dann lächelt er verlegen und wiegelt ab. »Über so eine Krankheit macht man keine Scherze.«