Martin Fenins Widerruf

»Ich habe nie versucht, mir das Leben zu nehmen«

Gegen ein Uhr früh geht Fenin zur Rezeption, um seinen Internetzugang zu verlängern, zurück auf dem Zimmer nimmt er eine weitere Schlaftablette. Es ist eine zu viel für den Alkohol, den er getrunken hat. »Ab da kann ich mich an nichts mehr erinnern«, sagt er. Hotelgäste werden später sagen, sie hätten gesehen, wie er aus dem Fenster klettert. Fenin selber wacht im Krankenhaus auf, ohne dass er weiß, was passiert ist. Das Sprechen fällt ihm schwer, er ist verwirrt. Auf die SMS seiner Freunde, die besorgt fragen, was passiert sei, antwortet er: »Ich habe Spider Man gespielt, aber mein Netz hat nicht funktioniert.« Einer seiner Kumpels schickt ihm statt Blumen einen Spider-Man-Anzug ins Krankenhaus. Fenin scherzt über seinen Unfall, seine Kumpels scherzen mit ihm, aber damit stehen sie alleine da.

Bereits kurz nach dem Sturz sind Vertreter des Vereins im Krankenhaus, Trainer Claus-Dieter Wollitz und der Pressesprecher. Sie kümmern sich um ihn und setzen eine Pressemitteilung auf, die Fenin unterschreibt. Er habe nicht so recht verstanden, worum genau es in der Erklärung ging und was Begriffe wie »Resignation« oder »depressive Schübe« eigentlich meinen, behauptet Fenin jetzt. Der Verein und auch Miroslav Kadlec, der damals als deutschsprachiger Mitarbeiter von Fenins Berater im Krankenhaus anwesend ist, bestreiten Fenins Version. Für die Darstellung in den Medien ist es derweil unwichtig, auf wessen Geheiß die Erklärung veröffentlicht wurde und ob Fenin wusste, was er da unterschreibt. Depressionen. Alkoholprobleme. Tablettensucht – der Fall scheint klar. »Am Fenster soll ein Stuhl gestanden haben«, winkt die »Bild« mit dem Zaunpfahl. Ein versuchter Suizid also? Der Endpunkt einer verkorksten Karriere voller Suff und Tabletten?



»Das ist doch kein Alkoholismus!«



Drei Jahre nach dem Fenstersturz sagt Fenin: »Ich habe nie versucht, mir das Leben zu nehmen. Ich hatte nie Depressionen. Und ich war nie alkoholkrank oder tablettensüchtig. Natürlich bin ich ab und zu feiern gegangen und ich habe bestimmt auch mal über die Stränge geschlagen. Aber wer tut das denn nicht? Das ist doch kein Alkoholismus!«

Das mag stimmen, den Ruf als Problemprofi hat Fenin aber bereits in Frankfurt weg. Bei einem Grillabend brennt plötzlich seine Dachterrasse, wenige Wochen später landet frühmorgens sein BMW im Straßengraben, von Partytouren ist des Öfteren zu hören. Aber Depressionen und Alkoholsucht, von denen nach dem Sturz die Rede ist, sind ein anderes Kaliber. Auch hier ist Fenin lost in translation. »Depressiv« bedeutet für ihn nicht mehr als eine getrübte Stimmung während einer schwierigen Karrierephase. »Dass das eine schlimme Krankheit ist, die wie bei Robert Enke zum Selbstmord führen kann, wusste ich nicht.«

»Fenins schwerster Kampf«



Er ist froh, dass Energie Cottbus ihn nicht rauswirft, beim Verein selbst ist man ratlos, was mit dem jungen Tschechen los ist. Die Trainingsleistungen des vermeintlichen Stareinkaufs sind durchwachsen, oft wirkt er abwesend, schließlich der Fenstersturz. Im Anschluss an die neurologische Behandlung wegen der Hirnblutung schickt ihn der Klub zu einem Psychologen nach Tschechien, um ihn auf psychische Probleme hin untersuchen zu lassen. »Fenin in Behandlung« heißt es nun in der Presse oder »Fenins schwerster Kampf«, während der Psychologe nach einigen Terminen in einem Befund sowohl eine Depression als auch eine Suchterkrankung ausschließt. »Jetzt können wir das doch sagen«, sagt Fenin zu seinem Arzt. »Wenn du jetzt, so kurz danach, sagst, dass du nicht krank bist, glauben die Leute erst recht, dass du es bist«, rät der Psychologe. Also schweigt er, und wartet.