Martin Fenins Widerruf

Lost in Translation

Nach seinem Fenstersturz in Cottbus 2011 machte Martin Fenin seine Depression und Alkoholprobleme öffentlich. Heute sagt er, er sei nie depressiv oder suchtkrank gewesen. Was ist passiert?

Grégoire Bernardi

Martin Fenin sitzt in einem Steakhouse in der französischen Provinz und zeigt auf ein Bild auf der Speisekarte. »This!«, sagt er. Der Kellner fragt: »Cette?«, Fenin sagt: »Ja.« Der Kellner verschwindet in der Küche, und Fenin lächelt verlegen. Der Mann, der 2008 bei Eintracht Frankfurt mit einem Hattrick in der Bundesliga debütierte und 16 Länderspiele für Tschechien gemacht hat, wirkt ein wenig verloren. Lost in translation, könnte man sagen, oder lost in Istres, einem Dorf bei Marseille, bei dessen Drittligisten Fenin unter Vertrag steht, und in dem es, wenn im Winter die Touristen fehlen, doch arg grau und regnerisch ist. Bonjour Istres. Es sei an der Zeit, sagt Fenin ins Regenrauschen, die wahre Geschichte zu erzählen. Er wirkt nervös dabei, doch das muss nichts heißen, denn er wirkt eigentlich immer ein wenig angespannt. Und wen wundert das, bedenkt man, dass Fenin von jedem seiner Gesprächspartner annehmen muss, dass sie etwas von ihm annehmen, was nicht der Wahrheit entspricht.

Über Martin Fenin gibt es eine Geschichte, die vor ein paar Jahren in allen Zeitungen stand, und die geht so: Am Abend des 14. Oktober 2011 ist er mal wieder betrunken. Seit einiger Zeit spielt er für Energie Cottbus, ist unglücklich über den Wechsel, darüber, dass er nicht mehr in Frankfurt ist, nicht mehr für die Nationalelf nominiert wird und über alles andere eigentlich auch. In dem kleinen Hotelzimmer im ersten Stock, das er bewohnt und in dem er sich so unwohl fühlt, eskaliert die Situation. Fenin nimmt ein paar Schlaftabletten und stürzt aus dem Fenster. Beim Aufprall erleidet er eine Hirnblutung, ein Notarzt bringt ihn ins Krankenhaus. Wenig später veröffentlicht Energie Cottbus im Namen des Spielers eine schriftliche Erklärung: »Das Gefühl der Resignation, der Einsamkeit mit Depressionsschüben begleitet mich schon seit mehreren Monaten«, heißt es dort, und weiter: »Die vorübergehende Flucht in Medikamente und Suchtmittel verschlimmerten diesen Zustand und gipfelten nun in der schockierenden Diagnose.«



Wenn Fenin seine Geschichte erzählt, klingt sie anders


 
Nur, diese Geschichte stimmt so nicht. Beziehungsweise stimmt sie teilweise, nämlich in etwa so, dass zwei Geschichten aus ihr werden, je nachdem, welche ihrer Nuancen man betont. Martin Fenins Fenstersturz ist eines jener Wackelbilder, die sich verändern, wenn man sie aus einem anderen Winkel betrachtet. Zumal von einer Diagnose drei Tage nach dem Sturz noch gar keine Rede sein kann. Das »Gefühl der Resignation« und »die Flucht in Suchtmittel« werden – und das ist nachvollziehbar – in den Medien fix zu Depression sowie Alkohol- und Tablettensucht. Knapp zwei Jahre sind seit Robert Enkes Suizid vergangen, Fußballdeutschland ist sensibilisiert für Sportler mit psychischen Problemen. Aber sind Gefühle der Einsamkeit wirklich gleich Depressionen? »Ich wusste gar nicht, was das Wort bedeutet«, sagt Fenin in Istres und nippt an seinem Wasser.

Wenn Martin Fenin seine Geschichte erzählt, klingt sie ein wenig anders: Am Abend des 14. Oktober 2011 ist er angetrunken. Seit knapp fünf Wochen spielt er für Energie, er ist kurz vor Ende der Transferperiode überstürzt hierhergewechselt und fühlt sich wirklich unwohl. Es wurmt ihn, dass er nicht mehr zur Nationalelf eingeladen wird, im Cottbuser Team ist er isoliert, und er vermisst seine Freunde in Frankfurt. Man könnte von einem »Gefühl der Einsamkeit« sprechen und genau das damit meinen, aber eben nicht mehr.

Seit er im Hotel wohnt, schläft er schlecht und nimmt Stilnox, ein Schlafmittel aus Tschechien, das ihm seine Mutter empfohlen hat, die in der Heimat als Ärztin arbeitet. In der Packungsbeilage sind als Nebenwirkungen unter anderem Verwirrtheitszustände und Halluzinationen angegeben. Weiter heißt es: »Es wurden Fälle berichtet, in denen Personen nach der Einnahme von Stilnox während des Schlafs oder in nicht völlig wachem Zustand Handlungen ausführten und sich später nicht daran erinnerten. Die Einnahme von Alkohol und anderen Medikamenten, die auf das zentrale Nervensystem wirken, scheinen in Verbindung mit Stilnox das Risiko für solches Verhalten zu erhöhen.«