Martin Bengtsson: Erst Riesentalent, dann Intensivstation

»Du kannst jede Frau der Welt ficken!«

Martin Bengtsson wacht erst in der Notaufnahme eines Mailänder Krankenhauses wieder auf. Grell flackerndes Licht. Kalte Wände. Eine Psychologin schreit ihn an: »Du hast alles, was du willst: Autos, Geld, und du kannst jede Frau der Welt ficken! Du bist Spieler von Inter Mailand!« Noch heute rätselt Bengtsson über diesen Ausbruch. »Manchmal denke ich, dass ich auch ihren Traum zerstörte, dass es nichts Schöneres auf der Welt gäbe, als Profi bei Inter zu sein.« Der Klub meldet wenige Tage später, seine Nachwuchshoffnung habe einen epileptischen Anfall gehabt, sich bei einem Sturz am Handgelenk verletzt und sei zur Erholung nach Schweden geschickt worden.

Seit 2008 lebt Martin Bengtsson in Berlin. Er ist Musiker und nennt sich Waldemar. In einem Regal, das in seiner Einzimmerwohnung als Raumtrenner dient, stehen Bücher von Noam Chomsky, Charles Bukowski und eine Biografie von Barack Obama, daneben CDs von The National, The Smiths, Nirvana und das Computerspiel »Pro Evolution Soccer«. An der Wand: Bleistiftskizzen, Songfragmente, Acryl-Cut-Ups. Ein Leben auf 30 Quadratmetern. Ein Leben nach der Fußballkarriere.



Aus den Boxen erklingt ein Lied seiner neuen Platte. »Wenn ich Musik mache, bin ich jemand anderes«, sagt der heute 24-Jährige. Waldemar zeigt Brusthaar, trägt eine Jacke im Leopardenmuster, silberne Leggins und schminkt sich die Augenlider. Verschlafen soll das aussehen, Drei-Nächte-durchgemacht-Style, David-Bowie-Style. Später tritt Waldemar in einer kleinen Bar um die Ecke auf. Er spielt neue Songs, einige klingen sehr düster und erinnern ein wenig an Nick Drake. Am Ende des Konzerts spielt er »Mental Hospital« und singt: »Keep all the demons away«. Das Lied hat er 2004 in seinen letzten Tagen in Mailand geschrieben. Die Dämonen sind bis heute nicht verschwunden, er befindet sich wegen seiner Depression immer noch in Therapie.

»Der verlorene Sohn ist zurück!«


Nach seinem Selbstmordversuch hat er seine Fußballkarriere nicht gleich beendet: »Am liebsten hätte ich alles sofort hingeschmissen. Aber mein Körper schrie danach, dass ich weiterspielen muss.« Er unterschrieb einen Vertrag für die zweite Mannschaft in Örebro. Bengtsson spielte so gut, dass eine Zeitung schrieb: »Der verlorene Sohn ist zurück!« Noch am selben Tag beschloss er, dass es sein letztes Spiel gewesen sein sollte.

Es folgten Jobs als Moderator und Redakteur einer Zeitung. 2007 veröffentlichte er seine Biografie »I skuggan av San Siro«, »Im Schatten von San Siro«. Das Buch verkaufte sich in Schweden über 20.000 Mal und wurde als Theaterstück aufgeführt. Vor drei Jahren stieg Martin Bengtsson dann am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg aus der U-Bahn – das harte Pflaster gefiel ihm. Es versprach ihm vielleicht nicht das bessere, aber zumindest das ehrlichere und aufregendere Leben. Bengtsson eröffnete eine Galerie, malte, schrieb Artikel, Gedichte und Songs. Dennoch sagt er heute: »Ich bin kein Musiker, kein Schreiber, kein Journalist, kein Künstler.« Es ist ein Leben ohne sklavischen Fokus auf eine Sache, es fühle sich gut an, so unperfekt, so menschlich.

Rückkehr nach Mailand im Mai 2010

Zum letzten Mal kehrte Martin Bengtsson im Mai 2010 nach Mailand zurück. Waldemar spielte ein Konzert in einer kleinen Bar, es waren nur wenige Gäste gekommen, und das Konzert fing außergewöhnlich früh an. Als er die Bar verließ, waren die Straßen wie leergefegt. Es war der 22. Mai 2010 um kurz nach 22 Uhr, und irgendwo im fernen Madrid schoss Diego Milito für Inter Mailand gerade sein zweites Tor gegen den FC Bayern.