Marcus Wiebusch über seinen Anti-Homophobie-Song

»Das Klima muss sich ändern«

Warum ist es weiterhin wichtig, über das Thema Homophobie im Fußball zu sprechen? Ein Interview mit dem Musiker Marcus Wiebusch, dessen Song »Der Tag wird kommen« seit einigen Tagen hohe Wellen schlägt.

ghvc.de

Marcus Wiebusch, das diese Woche erschienene Video zu Ihrem Song »Der Tag wird kommen« wird auf stern.de als das wichtigste des Jahres bezeichnet. Haben Sie mit solchen Reaktionen gerechnet?
Es ist wirklich krass, was gerade abläuft. In den letzten drei Stunden habe ich zahlreiche Radio- und Fernsehinterviews gegeben und hetze von einem zum nächsten Termin. Auf Facebook wurde das Video schon über 4000 Mal geteilt, auf Youtube über 300.000 Mal angesehen.
 
Lesen Sie denn alle Kommentare?
Bei Neuerscheinungen von Platten mache ich das nicht, aber jetzt guck ich mir vieles an.
 
Was hat Sie bewegt, den Song zu schreiben?
Ich gehe schon seit 25 Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli. Dort gibt es in Sachen Rassismus und Homophobie kein Problem. Doch nach einem Spiel kam ich mal ins Gespräch mit einem Sportjournalisten, der von mehreren aktiven, schwulen Profis zu berichten wusste. Er erzählte mir, was sie für ein Höllenleben führen. Ich habe daraufhin mit meinem Bruder gesprochen, der im Stadion neben mir sitzt und der auch schwul ist. Es entstand eine angeregte Diskussion, die mit meinen Worten endete: »Ja, noch ist es schwierig, aber der Tag wird kommen«. Und so entstand die Idee zum Lied.
 
Der Clip hat eine Länge von über sieben Minuten. Ungewöhnlich lang für ein Musikvideo.
Ich habe für den Song sehr viel recherchiert. Ich habe mehrere Bücher gelesen, Dokumentationen angesehen, mit einige Sportjournalisten gesprochen, eigentlich alles gelesen, was im Internet zu dem Thema zu finden ist. Und weil ich dieses komplexe Thema nicht in den üblichen drei Minuten abtun wollte, entstanden diese sieben Minuten.

Verfolgen Sie ein konkretes Ziel mit dem Song?
Ich möchte, dass sich das Klima ändert, das wir im Profifußball im Moment haben. Ein Klima, in dem sich kein aktiver Fußballprofi zu outen traut. Ich finde diesen Zustand unfassbar. Aber es gibt ja auch Zeichen, dass ein gesellschaftlicher Wandel in bestimmten Feldern möglich ist. Wenn uns vor zehn Jahren jemand gesagt hätte das wir mal einen schwulen Außenminister haben, der in Länder reist, in denen Homosexualität unter Strafe steht, dann hätten wir alle gesagt: »Unrealistisch, das wird nie passieren.« Und siehe da, zehn Jahre später ist es völlig normal. So wird es auch bei einem Fußballprofi sein. Wir werden irgendwann auf diese Zeit zurückblicken und sagen: »Weißt du noch damals, da gab es doch tatsächlich keine aktiven, schwulen Fußballspieler. Unfassbar.« Und wir werden lachend die Köpfe schütteln.

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