Maradonas verrückte WM-Show

»Warum schickt ihr Suarez nicht gleich nach Guantanamo?«

Früher tanzte und sang er im Glitzerjackett durch seine eigene Fernsehgala, in »La Noche del 10«. Jetzt wirkt es, als müsse er sich am Tisch festhalten, um aufrecht zu bleiben. Mit 53 Jahren scheint er schlank wie selten, er hat wohl nachhelfen lassen. Doch das Gesicht wirkt dadurch seltsam entrückt. Die Haut spannt, die Lippen schlauchig, die Lider hängen halb herab. Wenn Filmchen eingespielt werden, wie ihm Südamerikaner huldigen, schlägt er die Wimpern auf, Augen, Zähne, Ohrringe, alles funkelt. »Wie ein alternder Transvestit«, lautet ein weiterer Kommentar. »Du hast es als Trainer mit Argentinien verkackt und denkst trotzdem, du weißt alles.«

Pele und Beckenbauer sind »Idioten aus dem Museum«

Die Masse jedoch liebt Maradona und die alte Magie wirkt noch. Manchmal wacht er plötzlich auf, ein Moment Inspiration, wie früher im Spiel. Dann rechnet er ab mit Intimfeinden, zeigt Argentiniens Verbandschef den Stinkefinger, nennt die Fifa eine Mafia, Pele und Beckenbauer »Idioten aus dem Museum«, verteidigt im Luis-Suarez-T-Shirt den gesperrten Beißer: »Warum schickt ihr ihn nicht gleich nach Guantanamo?« Dann ist Diego endlich wieder Diego, der, der sich traut, die Dinge bein Namen zu nennen, den kleinen Mann verteidigt, die da oben anprangert. Es sind diese Momente, die »De Zurda« zum Gesprächsstoff machen.

Suárez heult sich dort live am Telefon aus, große Fußballernamen sind zu Gast, solange sie Diego nicht überstrahlen: Valderrama, Zico, Lineker (»Wie geht's der Hand?«, fragt der auf Spanisch), auch Diegos Geliebte und Kind tauchen auf, ein bisschen Reality Show muss immer sein. Und Ecuadors Staatschef Rafael Correa. Dann wird der Klamauk politisch.

Maradona liest einmal einen Brief des Sohnes von Che Guevara vor, der die Freilassung von fünf in den USA inhaftierten Kubanern fordert. »Wir sind bei euch bis zum Tod«, sagt er ernst in die Kamera.

Eine Art Anti-CNN

»De Zurda« heißt übersetzt »Mit links« und das ist Programm bei Telesur. Der Sender ist eine Art Anti-CNN für Südamerika, das von Venezuela aus produziert und propagiert wird.

Zu diesem Motto passt keiner besser als Diego Maradona. Als Spieler schoss er seine Traumtore bevorzugt mit links, egal ob Fuß oder Hand, danach hielt er sich gern an der Seite sozialistischer Staatenlenker. Im Februar bestätigte Maradona in einer Videobotschaft aus Dubai den Vertragsabschluss mit Telesur. »Der Comandante hätte es so gewollt«, sagte er über den verstorbenen Staatschef Hugo Chavez, »die Imperialisten verbreiten Lügen. Ich werde ein Soldat sein für Venezuela.« Wieviel Sold er dafür erhält, will er auf Nachfragen nicht preisgeben.

Am Sonntag kann Argentinien erstmals seit 1986 Weltmeister werden, mit Messi, ohne Maradona. Der geht danach von Sendung. Und dann? »Ich habe Projekte«, sagt Diego bei »De Zurda«. Er lächelt, aber sein Gesicht lächelt nicht mit.