Maracana: Stadion des Volkes oder der VIPs?

Schlechte neue Welt

Das Maracanã war einmal das Stadion des Volkes. Nun ist es ein Stadion der VIPs. Die Armen werden selbst aus der Peripherie vertrieben. Wenige Wochen vor WM-Start haben wir die Favela Mangueira besucht.

Toby Binder
Heft: #
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Lucas hat schon einiges mitgemacht in seinem jungen Leben, aber noch nie einen Tag ohne das Maracanã. Er sieht das Stadion schon am Morgen auf dem Weg zur Schule, wenn es noch im Schatten liegt, dort unten zwischen den Hügeln. Er sieht es am Nachmittag, wenn er Fußball spielt, in den Gassen seiner Favela Mangueira. Am schönsten findet er das Maracanã am Abend, bei Spielen der Copa Libertadores, wenn es so hell leuchtet wie ein Raumschiff.

Dann sitzt Lucas am liebsten auf der Terrasse beim alten Jorge da Silva Machado. Jorge hat den besten Blick aufs Maracanã, er lebt oben am Hang des Armenviertels. Er stellt den Fernseher raus auf seine selbstgespachtelte Terrasse und lädt die Nachbarn zu Bohneneintopf und Bier ein. Und dann schauen sie im Fernsehen das Spiel und lauschen gleichzeitig dem Maracanã, in 500 Metern Entfernung.

Nur dass man es heute kaum noch hört. Nicht die Trommeln der Fans. Nicht den Torjubel.

»Das Maracanã hat sich verändert«, sagt der alte Jorge.
»Es lebt nicht mehr.«
»Ich höre das Maracanã«, sagt Lucas.
»Es ist nicht wie früher«, sagt Jorge.
»Kein Vergleich. Es ist tot.«
»Ich liebe das Maracanã«, sagt Lucas.
»Ich habe es mal geliebt«, sagt Jorge.

Eine große Party für die Welt? Ein Verbrechen am Volk?

Darum geht’s. Was das Maracanã mal war. Was es heute ist. Und auch: was diese WM eigentlich ist. Eine große Party für die Welt? Ein Verbrechen am Volk? Beides gleichzeitig?

Je nach Umfrage sind nur noch etwa 40 Prozent der Brasilianer für diese WM im eigenen Land. Mehr als 45 Prozent sind dagegen, nach einer Untersuchung des Instituts Datafolha sogar 52 Prozent. Nicht mal jeder Zweite glaubt, dass Brasilien eine gute WM organisieren wird. Mangueira, die Heimat von Jorge und Lucas, diese alte Favela am Maracanã, hat sich längst für eine Seite entschieden.

Lucas ist 11. Er war nie selber im Maracanã. Aber er kennt die Geschichten in allen Einzelheiten, die Alten haben sie ihm erzählt. Von der traumatischen 1-2 Niederlage gegen Uruguay bei der WM 1950, die eine nationale Krise auslöste und das Wort Maracanaço hervorbrachte (Der Schock von Maracanã). Von den großen Spielen Zicos für Flamengo und Romários für Vasco da Gama. Vom Sieg der Seleção gegen Spanien im Finale des Confed-Cups im vergangenen Jahr. Lucas erinnert die Torschützen (Fred, Neymar, Fred), er erinnert auch die Spielminuten, vor allem erinnert er die Geräuschkulisse drüben im Stadion, sie war überwältigend. Da soll ihm mal einer sagen, das Maracanã lebe nicht.

Lucas wird nie in die neue Arena kommen, da macht er sich nichts vor. Nicht zur WM und auch danach nicht. Die Tickets sind zu teuer, 80 Reais kostet ein einfaches Spiel im Campeonato Carioca, der regionalen Meisterschaft, mehr als 25 Euro. Bei der WM kosten Tickets durchschnittlich 100 Euro.

Von dem Geld lebt seine Familie fast zwei Wochen lang. Lucas führt durch seine kleine Backsteinhütte, tief im Bauch der Favela. Man erreicht sie auf verschlungenen Wegen. Sie ist etwa 25 Quadratmeter groß, auf dem Esstisch steht ein Wimpel von Flamengo, im Fernsehen läuft in voller Lautstärke eine der vielen Telenovelas. Seine Mutter lebt von umgerechnet 250 Euro im Monat, sie betreut Kinder in der Nachbarschaft und erhält etwas Sozialhilfe. Sein Vater ist gerade erst aus dem Gefängnis zurückgekehrt und findet keinen Job. Und dann gibt es noch fünf andere Geschwister, mit denen er zwei Zimmer teilt. Und da soll er ins Stadion?

Was das Maracanã für ihn bedeutet? Lucas überlegt etwas länger.

Das Maracanã ist immer da

Er redet nicht viel. Er findet den Besuch des deutschen Reporters etwas einschüchternd. Er sagt jetzt nichts von einem Mythos oder Lebenstraum – das ist alles Erwachsenengerede. Er sagt, das Maracanã sei einfach da, jeden Tag, zum Greifen nah. Es gibt nicht so viele Konstanten in seinem jungen Leben, in dem er schon so einiges gesehen hat – Drogenkriege, Schießereien, Polizeiinvasionen. Aber das Maracanã ist immer da. Und von außen hat es sich nicht verändert. Es sieht aus wie immer.

Als der Staat Brasilien das Estádio Municipal do Maracanã für die WM 1950 errichtete, wurde es für Menschen wie Lucas und Jorge gebaut. Man wählte einen Standort im Zentrum Ríos, der die wohlhabenden Vororte in der Zona Sul mit den ärmeren der Zona Norte verband. Man baute ein Stadion für fast 200 000 Zuschauer, das größte der Welt, es sollte möglichst vielen Menschen aller sozialen Klassen Platz bieten in diesem fußballverrückten Land. Man baute es als Symbol der Demokratie, eine runde Arena, in der der Abstand von den Rängen zum Spielfeld überall gleich war. Man baute ein Stadion ohne Barrieren, ohne Zäune, ohne Logen. Man nannte es das Stadion des Volkes, und das Volk nannte es liebevoll »Unser Maracanã«.

Der alte Jorge da Silva Martins erinnert sich gut an die großen Spiele, die er hier gesehen hat. Das ewige Stadtduell Flamengo gegen Fluminense, aber auch die Klassiker gegen Corinthians und Santos. Vor allem Pelés 1000. Tor, beim Spiel Vasco da Gama gegen Santos im Jahr 1969. Er kann sich nicht entscheiden, welche Partie die beste war.

Aber mehr noch als die Spiele erinnert er den Geruch. Im Unterrang, dort wo er immer stand, wurden selbstgemachte Sandwiches, Pão de Queijo und geröstete Erdnüsse verkauft, auch gegrilltes Fleisch. Viele Verkäufer kamen im Maracanã zu Geld und bauten sich ein Häuschen außerhalb Mangueiras.

»Für ein Spiel zahlte ich drei Reais«, sagt er, etwa einen Euro. »Wir sind mit allen Freunden rein und haben eine Party daraus gemacht.« Auch das war eine demokratische Idee, die lange Bestand hatte im Maracanã: Man lässt – durch günstige Eintrittskarten – das ganze Volk teilhaben an seiner größten Passion.

Heimat, Identität und Selbstachtung

Jorge da Silva Machado ist 60, er war sein Leben lang Bauarbeiter, auch im Maracanã hat er oft bei Umbauten und Reparaturen ausgeholfen. »Im Maracanã ist auch etwas von mir«, sagt er emphatisch. »Ich habe es mit gebaut. Da sind meine Hände drin, meine Kraft, mein Schweiß.« In seinem Wohnzimmer hängt ein großes gerahmtes Foto des Maracanã aus alten Zeiten. Es hängt dort wie ein Heiligenbild. Er nimmt es von der Wand und hält es leidenschaftlich in seinen Händen. »Siehst du meine Gänse­haut?«, sagt er. »Ich war seit 15 Jahren nicht mehr drin.«

In solchen Momenten merkt man: Die Geschichte hat viel mit Heimat zu tun, mit Identität und Selbstachtung.