ManUnited-Trainer nach Alex Ferguson

Ein unmöglicher Job

Phil Neville gehörte in der letzten Saison zum Trainerstab von Manchester United. Hier erzählt er vom langen Schatten Alex Fergusons und warum sein Nachfolger David Moyes scheitern musste.

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Der 4. Juli letzten Jahres war mein erster Arbeitstag als Co-Trainer bei Manchester United, aber noch am Vorabend um 20 Uhr wusste ich nicht, dass ich zu meinem alten Klub zurückkehren würde. Ich hatte nach acht Jahren beim FC Everton meine Spielerkarriere beendet und bei der BBC einen Vertrag als Experte unterschrieben. Eigentlich wollte ich ein Jahr lang Auszeit nehmen, Abstand gewinnen und Fußball aus einer anderen Perspektive betrachten. Aber dann wurde David Moyes, unter dem ich in Everton gespielt hatte, Trainer bei Manchester United.

Er wollte mich als einen seiner Assistenten, und alles ging ganz schnell.

Den Tag der Rückkehr werde ich nie vergessen. Ich liebe Manchester United und es war faszinierend, den Klub so wieder vorzufinden, wie ich ihn verlassen hatte. Natürlich hat sich in der Zwischenzeit die Infrastruktur verbessert, aber die meisten Mitarbeiter von früher waren immer noch da. Wir sind von ihnen mit offenen Armen empfangen worden, aber ich hatte zugleich den Eindruck, dass alle noch geschockt waren, weil Sir Alex Ferguson nach 26 Jahren nicht mehr da war. Zugleich war »Der Boss« noch allgegenwärtig, denn überall auf dem Trainingsgelände in Carrington sind Bilder von ihm zu sehen, und die Angestellten haben ihn ständig erwähnt.

Für mich war das nicht schwer, weil ich in dieser Welt aufgewachsen bin. Aber für die Neuen kann es nicht leicht gewesen sein. Du kommst zur Tür herein und siehst als Erstes den Europapokal, daneben den FA-Cup und die Premier-League-Trophäe. Das ist einschüchternd, und zugleich merkt man in jedem Moment: Es ist das Haus eines anderen, das Team eines anderen und nicht deines. In der Trainerkabine gab es einen Spind mit den Initialen »A. F.«. In den ersten fünf Tagen, in denen wir da waren, wurde er nicht benutzt, obwohl Klamotten davor lagen. Irgendwann dachten wir, dieser Spind sei eine Art Schrein für Sir Alex. Am sechsten Tag kam die Nachwuchsmannschaft zurück, ihr Torwarttrainer ging zu dem Schrank und zog sich um: Alan Fettis.

Legenden überall

Egal wo, bei Manchester United wird man unablässig mit der Geschich­te des Klubs konfrontiert, sei es durch die »Sir-Alex-Ferguson-Tribüne« oder die Statue von Sir Matt Busby vor dem Stadion. Vereinslegenden wie Bobby Charlton oder Denis Law kreuzen auf dem Trainingsplatz auf. Als wir in der Vorbereitung zum ersten Mal ins Flugzeug stiegen, saßen sie mit Brian Robson in den letzten Reihen, außerdem Andy Cole und Dwight Yorke.

Wer mal für einen solchen Klub gespielt hat, ist Teil der Familie. Ich selbst habe zur »Class of ’92« gehört, also der Mannschaft mit David Beckham, Ryan Giggs, Paul Scholes, Nicky Butt und meinem Bruder Gary, die damals für Manchester United den FA-Jugendpokal gewonnen hat. Später war ich zehn Jahre lang Profi, und selbst nachdem ich den Klub vor acht Jahren verlassen hatte, bin ich dennoch jedes Mal, wenn ich im Stadion war, als Spieler von Manchester United behandelt worden.

Die Geschichte erzeugt Druck

Bei Milan oder Ajax Amsterdam, Real Madrid oder dem FC Bayern ist das auch so, und dieser Umgang mit den Spielern und Ex-Spielern macht einen großen Klub aus. Deshalb erzählt Bobby Charlton den Neuzugängen auch von der Geschichte des Vereins. Und deshalb sind wir vor dem Viertelfinalspiel in der Champions League in München dahin gefahren, wo die »Busby Babes« 1958 mit dem Flugzeug verunglückt sind. Die Historie mit ihrer immensen Bedeutung muss man annehmen, aber sie erzeugt natürlich auch Druck, denn der Klub und seine Millionen von Fans sind es gewöhnt zu gewinnen.

David Moyes und das gesamte Trainerteam sind auch von den Spielern fantastisch empfangen worden. In der Kabine hatte Moyes einen sehr guten Ruf, weil die Profis wussten, dass er bei Everton erfolgreich gearbeitet und mit bescheidenen Mitteln eine gute Mannschaft geformt hatte. Sie haben von ihm neue Ideen und andere Trainingsmethoden erwartet, und so war es auch. Den Spielern hat seine Arbeit gefallen, dennoch hatte ich den Eindruck, dass sie immer noch über den Abgang von Ferguson enttäuscht waren.