Mainz' Kampfhund Elkin Soto

Der kleine Zé

Elkin Sotos Karriere gleicht der von Zé Roberto in verblüffender Weise: Zunächst auf den Außenposten abgeschoben, fanden beide erst im zentralen Mittelfeld zu ihrer wahren Form. Für Soto ist es das Ende eines langen Irrweges.   Mainz' Kampfhund Elkin Soto Angriffswelle um Angriffswelle der TSG Hoffenheim rollt auf das Mainzer Tor zu, und eine nach der anderen zerschellt an der stabilen Defensive der Gastgeber. Als besonders wuchtiger Fels in der 05-Brandung präsentiert sich an diesem 8. Spieltag der Fußball-Bundesliga ein eher zierlich gebauter Mann mit Glatzkopf. Unermüdlich wirft sich Elkin Soto den hochgelobten Hochgeschwindigkeitsfußballern aus dem Kraichgau entgegen. Als unüberwindbare Hindernisse für seine Gegenspieler erweisen sich die mit messerscharfer Präzision vorgetragenen Tacklings. Soto rackert, Soto grätscht, Soto läuft ab –  Hoffenheim verzweifelt.

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Eine Leistung, die 05-Trainer Tuchel nach dem letztlich nicht unverdienten 2:1-Sieg dazu verleitet, seine Nummer 19 als »unseren kleinen Zé Roberto« zu adeln. Ein Ritterschlag, der neben des Übungsleiters Stolz auch einen sachlich wahren Kern beinhaltet. Durchaus sind Parallelen zwischen dem Werdegang des Kolumbianers bei Mainz 05 und dem des größeren Pendants im Team des HSV erkennbar. Beide wurden jahrelang von ihren Trainern auf der Außenbahn verschwendet, und beide riefen ihr eigentliches Potenzial erst im gehobenen Fußballalter mit der Versetzung ins zentrale defensive Mittelfeld ab.

Die robertosche Entschlossenheit und Eleganz von Sotos jüngsten Auftritten den unbedarften Beobachter allerdings über dessen langen und mit Hindernissen gespickten Weg zum mutmaßlichen Höhepunkt seiner Schaffenskraft hinweg.

Ungebremst wie eine Boden-Boden-Rakete

Bereits unmittelbar nach seiner Verpflichtung im Januar 2007 beeindruckte der heute 29-Jährige durch für beschlagene Techniker ungewöhnlich ausgefeilte Fähigkeiten im Zweikampf. Ungebremst wie eine Boden-Boden-Rakete flog Soto auf seine Gegenspieler zu, um ihnen in genau dem Sekundenbruchteil, in dem das Krachen der Knochen zu befürchten war, zielgenau den Ball vom Fuß zu spitzeln. Noch während des Schiedsrichters Atemzug statt in einem Pfiff in Erstaunen erstarb, verarbeitete Soto das frisch erkämpfte Spielgerät präzise weiter.

Jedoch: Die riskante Mischung aus filigraner Statur und rustikalem Zweikampfverhalten forderte trotz aller Präzision bald ihren Tribut. Wegen zweier schwerer Knieverletzungen, Rückschläge im Heilungsprozess und zusätzlicher Zipperlein schlugen für den Kolumbianer nach anderhalb Jahren im 05-Trikot ganze 15 Punktspieleinsätze zu Buche. Groß war die Hoffnung am Bruchweg, als Soto im Sommer 2008 endlich eine komplette Vorbereitung ohne längere Ausfallzeiten bestreiten konnte. Den fest eingeplanten Durchbruch verhinderte diesmal dann auch kein gerissenes Kreuzband, sondern das Veto der Justizia. Wegen Vertragsstreitigkeiten mit seinem kolumbianischen Ex-Verein Once Caldas verurteile der Sportgerichtshof CAS Soto zu einer viermonatigen Sperre.

Als Soto in den Kader zurückkehre, waren die Karten bereits neu gemischt und die Mittelfeldplätze verteilt. Feulner, Pekovic und Karhan im Zentrum sowie Amri oder Baljak auf links hießen die Platzhirsche, an denen es zunächst kein Vorbeikommen geben sollte. Es dauerte bis zum 11. Spieltag der Zweiten Liga, bis zahlreiche Ausfälle wie jener von Amri Soto zurück ins Team spülten.

Doch zunächst überwiegend auf der ungewohnten rechten Seite eingesetzt, fand er nicht zu gewohnter Klasse. Statt mit genialen Geistesblitzen Verwirrung in des Gegners Strafraum zu stiften, irrlichterte er regelmäßig über die Außenbahn. Er, der das Spiel vor sich haben muss, der die Einbindung ins Spiel braucht wie die Luft zum Atmen, verkümmerte auf den Außenbahnen zu einem Mitläufer. Das für seine Spielweise unabdingbare Selbstvertrauen war so nicht aufzubauen. In Zahlen ausgedrückt, liest sich seine Leistung folgendermaßen: Von seinen 24 Einsätzen in der Mainzer Aufstiegssaison bestritt er lediglich fünf über die volle Distanz, erzielte dabei ganze zwei Treffer.

Die Verbannung auf die Reservebank schien schon unausweichlich

Auch unter Thomas Tuchel schien der klaffende Krater zwischen Sotos Potenzial und der faktischen Leistung im Pflichtspieleinsatz zunächst kaum überbrückbar zu sein. Im halblinken Mittelfeld aufgeboten, zählte er bei den Auswärtspartien in Bochum und Bremen noch zu den schwächsten Mainzern auf dem Platz. Obwohl stets bemüht, rannte er sich ein ums andere Mal in überflüssigen Zweikämpfen fest, wirkte fahrig und desorientiert. Die Verbannung auf die Reservebank schien schon unausweichlich, als Tuchel Soto gegen Hoffenheim für das zentrale Mittelfeld nominierte und es ihm dieser mit seiner wohl besten Leistung im 05-Trikot dankte.  

Für den Kolumbianer war es das Startsignal in bessere Zeiten. Denn die Zeichen mehren sich, dass das Hoffenheim-Spiel einem Schlag durch Sotos gordischen Leistungsknoten gleichkam. In den Folgewochen bestätigte er seine gute Form und nährte Hoffnungen darauf, dass Mainz mehr Gefühl im kleinen Zé als andere im gesamten Mittelfeld haben könnte. Zuletzt belohnte sich der umtriebige Wirbler gar mit dem ersten Bundesligatreffer seiner Karriere. Sein 1:0 gegen den 1. FC Nürnberg entschied letztlich die Partie. Sichtlich gelöst, genoss er anschließend seine Rolle als »Humba«-Vorsänger auf dem Zaun vor der Südtribüne des Bruchwegstadions. Unzweifelhaft findet der ehemalige Gewinner der Copa Libertadores Gefallen daran, auch in Mainz endlich obenauf zu sein. Wer könnte es ihm verdenken?