Lüttich-Fans entrollen Enthauptungsbanner

Rot oder tot

Fans von Standard Lüttich zeigen auf einem Banner einen enthaupteten Ex-Spieler. Der Verein rühmt sich damit via Twitter. Muss der Fußball das ertragen?

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Eine Binsenweisheit zu Beginn: Fankurven sind keine Ponyhöfe. Hier wurde immer schon gepöbelt, beleidigt, geschimpft, provoziert. Ein Fanblock ist ein archaischer Raum, in dem man seine guten Manieren spätestens beim Betreten ablegen kann – wenn man sie denn überhaupt jemals besessen hat.
 
Das kann man natürlich kritisieren oder blöd finden, man kann aber auch versuchen, die Zahnpasta in die Tube zurückzustopfen. Man kann die Sache sogar gutheißen, wie Mario Basler etwa. Der zog aus der Ablehnung stets seine Motivation: »Wenn mich in Dortmund von 55.000 Zuschauern 50.000 hassen, mir am liebsten ein Bein abhacken würden, mich mit Arschloch begrüßen, dann fühle ich mich wie Arnold Schwarzenegger gegen den Rest der Welt.«
 
Für Steven Defour fühlte es sich Sonntagnachmittag vermutlich auch so an, als kämpfe er gegen den Rest der Welt. Doch er war eben nicht Arnold Schwarzenegger, nicht mal Mario Basler, er war: Steven Defour, ein 26-jähriger Mittelfeldspieler, der einst für Standard Lüttich spielte und vor der laufenden Saison zum verhassten Rivalen RSC Anderlecht gewechselt war.

Der Verein postete das Banner auf Twitter
 
Schon vor dem Spiel war klar, dass die Standard-Fans den vermeintlichen Verräter bei seiner Rückkehr ins Maurice-Dufrasne-Stadion nicht mit Liebesliedern empfangen würden. Doch das, was vor dem Anstoß folgte, schien selbst Defour zu überraschen. Fans von Standard Lüttich entrollten ein riesiges Banner, auf dem zu lesen war: »Red or dead«. Daneben prangte ein Mann mit Hockeymaske, der in seiner rechten Hand ein Schwert und in seiner linken einen Kopf hielt. Es brauchte keine große Fantasie, um hier den Kopf Defours zu erkennen.
 
Schon während des Spiels ging es in den sozialen Netzwerken hoch her. Ein Grund dürfte auch die Reaktion des Klubs Standard Lüttich gewesen sein, der das Banner nicht verurteilte, sondern es kurzerhand über Twitter verbreitete. Die Provokation verfehlte nicht ihre Wirkung: In der 53. Minute drosch der Enthauptete den Ball frustriert ins Publikum – und erhielt dafür die Rote Karte.

»Meinungsfreiheit« oder »Filmzitat«?
 
Am Montag ebbte die Aufregung nicht ab, im Gegenteil: verschiedene internationale Medien griffen den Vorwahl auf und nannten ihn »geschmacklos« oder »skandalös«. Allerdings diskutierten nun auch etliche Fans in den sozialen Medien, wo sie das Plakat wiederum mit Schlagwörtern wie »Meinungsfreiheit« oder »Filmzitat« als normale Erscheinung der Fankultur rechtfertigten. Oder man versucht die ganze Sache mit aktuellen Debatten zu legitimieren: »Kann mann auch als #Satire betrachten+da ist alles erlaubt«, schrieb etwa ein deutscher Fußballfan via Twitter.
 
Als sei der ganze Fußball ein Comic, ein lustiger Pop-Art-Strip, in dem man alles von Bedeutungen loslösen und hineinwerfen kann, was man so am Wegesrand findet. Alles ist Ironie, alles ist ein Zitat, ein bisschen »Freitag, der 13.«, ein bisschen »Halloween«, ein Spiel, in dem die Profis wie Figuren inszeniert und hin- und hergeschoben werden können. Das Problem ist nur: In dieses Spiel sind die Profis nicht eingeweiht.