Lucien Favres schockierend plötzlicher Rücktritt

Weg. Einfach weg!

Lucien Favre ist zurückgetreten. Davon erfuhr Gladbach im selben Moment wie die breite Öffentlichkeit. Und steht jetzt unter Schock. Wer kann retten, was zu retten ist?

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Es ist natürlich nur eine wilde Spekulation, dass zu dieser nachtschlafenden Stunde – am Sonntagabend – auf Jupp Heynckes Bauernhof in Schwalmtal bei Mönchengladbach das Telefon klingelt. Heynckes jedenfalls wüsste sofort, wer ihn da so spät noch sprechen möchte. Er ist zwar Rentner, aber er guckt ja die Nachrichten. Vielleicht hat er sogar die Rauchschwaden am Horizont gesehen. Es brennt bei der Borussia.

Max Eberl, der Manager, steht in den Flammen und telefoniert. Schon am Mittwoch, beim Spiel gegen Augsburg, braucht er einen neuen Trainer. Spätestens am Samstag, wenn es gegen Stuttgart schon um alles geht. Einen Feuerwehrmann, denn es brennt schließlich lichterloh. Aber unbedingt einen, der nicht alles mit seinem Löschwasser flutet und am Ende mehr zerstört als bewahrt. Keinen Neururer, Stevens, Funkel. Sondern einen, der die Flammen mit großväterlicher Gelassenheit auspustet wie eine Kerze. Heynckes also? Oder Hans Meyer, den weisen Opa aus den eigenen Reihen? Warum nicht Ewald Lienen? Einen alten Borussen eben, dem so viel am Bewahren liegt wie Eberl selbst. Alles Spekulation. Wilde Spekulation.

Wo, verdammt noch mal, ist Favre?

Doch nichts anderes als wilde Spekulation ist es, was derzeit in Max Eberls Kopf vor sich gehen wird. Manche nennen das: Panik. Eine allzu menschliche Reaktion in Notfällen wie diesen. Wo um alles in der Welt ist der Mann, der Borussia Mönchengladbach, diesen hochambitionierten und vor wenigen Wochen noch vielversprechenden Verein, vor dem Schlimmsten retten kann – und zwar sofort? Und: Wo, verdammt noch mal, ist der Mann, der bis eben gerade noch integraler Bestandteil dieses Vereins und seiner Ziele war? Wo ist Lucien Favre? 

Weg. Einfach weg. Und das mit einer Plötzlichkeit, die trotz der sportlichen Misere – sechs Niederlagen in Folge – schockierend ist. »Nach reiflicher Überlegung und eingehender Analyse bin ich zu der Erkenntnis gekommen: Es ist in dieser Situation die beste Entscheidung, mein Amt als Cheftrainer bei Borussia Mönchengladbach niederzulegen«, ließ er am Sonntagnachmittag mitteilen. Der Verein, der sich in Gesprächen mit ihm wähnte und noch glaubte, ihn zum Bleiben bewegen zu können, erfuhr das im selben Moment wie die breite Öffentlichkeit. Auch er hatte reiflich überlegt und eingehend analysiert. Doch offenbar mit anderem Resultat. »Wir sind vollkommen vor den Kopf gestoßen«, so Vize-Präsident Rainer Bonhof.

Der Stardirigent und sein Konzertmeister – das schien zu passen

Manager Max Eberl hat viereinhalb Jahre eng mit Trainer Lucien Favre, diesem hochsensiblen und heiklen Mann, zusammengerabeitet und kennt seine Schrullen, Selbstzweifel und Idiosynkrasien wie kaum ein anderer. Er wusste, dass er es mit einem Fußballgenie zu tun hat, das von Niederlagen, zumal so vielen hintereinander, in echte existentielle Krisen gestürzt werden kann – und plötzlich glaubt: Ich kann es nicht mehr, ich kann es einfach nicht mehr! Er wird den Hadernden ein ums andere Mal vor einer Überreaktion bewahrt haben. Favre, der zuweilen wie ein zerzauster Stardirigent rüberkam, der erst dann mit der Welt in Einklang kommt, wenn er die Partitur aufschlägt und den Auftakt geben kann, und Eberl, der robuste, lebenspralle Konzertmeister aus Niederbayern, der selbst nicht zu den Genies zählt, aber gerade deshalb umso besser mit ihnen umgehen kann – sie schienen sich aufs Beste zu ergänzen.