Lucien Favre über seine Ballsucht und Menschenführung

»Dortmund konnte alles«


Es geht Ihnen also nicht um einen bestimmten Stil, sondern um die Bereitstellung von Möglichkeiten?
Ja, aber das ist bei vielen Mannschaften so. Man sagt immer, dass Bayern das Spiel kontrolliert. Das stimmt, aber sie können auch sehr gut kontern. Dortmund galt immer als Gegenpressingmannschaft, aber als sie vor drei Jahren Meister wurden, konnten sie alles. Auch ruhig von hinten das Spiel aufbauen oder mit einem langen Ball von Hummels.

Welche Mannschaft hat insgesamt die meisten Möglichkeiten?

Der FC Barcelona. Wer Messi, Suarez und Neymar in der Mannschaft hat, kann fast alles machen.

Würden Sie in der Champions League gerne gegen sie spielen, oder wäre das schrecklich?
Nein, überhaupt nicht. Wir wissen, dass wir nur schwere Gegner bekommen. Mit Kruse und Kramer haben wir zwei A-Nationalspieler verloren – und keine aus San Marino. Sie zu ersetzen, wird sehr, sehr schwierig und es wird Zeit brauchen. Wir haben praktisch zwei Jahre mit der gleichen Mannschaft gespielt, unser Kollektiv war sehr gut abgestimmt, defensiv wie offensiv. Aber wir haben uns auch entschieden, von Stindl abgesehen, nur junge Spieler zu verpflichten. Es ist gut, dass Gladbach seine Philosophie beibehält, denn der Verein muss an seine Zukunft denken.

Jetzt reden Sie nicht wie ein Trainer, sondern wie ein Sportdirektor.
Nach meiner ersten Trainerstation war ich in Neuenburg anderthalb Jahre Sportdirektor. Dort habe ich die Jugendarbeit umstrukturiert und weiß, wie ein Verein denkt. Mönchengladbach ist ein sehr guter, mit viel Disziplin geführter Verein. Ich mag die Arbeit mit jungen Spielern, auch wenn dadurch für mich viel zu tun ist.

Sind junge Spieler heute besser auf den Profifußball vorbereitet als zu Ihren Zeiten?

Viele haben das Glück, in den Akademien eine Topausbildung machen zu können. Sie sind heute auch sehr früh ausgesprochen athletisch, das ist ein Fortschritt. Dafür sind die Ansprüche höher. Es ist schwer, wenn man nur ein Rechts- oder ein Linksfuß ist. Heute müssen alle insofern beidfüßig sein, dass sie auch ihren falschen Fuß gebrauchen können. Wir haben früher hingegen oft nur auf der Straße oder auf einer Wiese gespielt, dafür aber zehn Stunden am Tag. Ich habe auch super Erinnerungen an die Trainer meiner Kindheit und Jugend. Sie haben mir viel Selbstvertrauen und Spaß vermittelt, aber auch meine Grenzen aufgezeigt. 
Sie waren diplomatisch, aber ehrlich.

Machen Sie es genauso?
Ja, das erste Wort eines Trainers muss positiv sein, die Spieler müssen sich gut fühlen. Man darf nie aggressiv mit ihnen reden, dann akzeptieren sie viel mehr. Denn ich muss ihnen natürlich die Wahrheit sagen, und ich muss sie überzeugen.

Max Kruse hat uns erzählt, dass er bei Ihnen nie das Gefühl hatte, dass Sie eine versteckte Agenda gehabt hätten.
Nein, das darf man nicht. Mit Kruse war auch immer alles klar. Er hat Persönlichkeit, das hat gut funktioniert.

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