Lucien Favre über seine Ballsucht und Menschenführung

»Ohne Dribblings ist Fußball langweilig«

Nimmt der Fußball eine ähnliche Entwicklung wie Basketball, wo die Mannschaften ganze Spielzüge lernen, oder ist noch Platz für Improvisation? 
Improvisation ist alles! Natürlich arbeiten wir auch an Spielzügen, aber in Wirklichkeit schießt man nur sehr selten ein Tor durch eine im Training einstudierte Kombination. Haben Sie etwa Angst, dass die Spieler zu sehr eingeengt werden?
 
Naja, Jorge Valdano hat schon vor zehn Jahren geschrieben: »Der Einfluss der Trainer aufs Spiel nimmt zu und ist repressiv.«
Das kommt auf den Trainer an. Ich war selber lange Spieler, und deshalb verstehe ich die Spieler. Ein Trainer darf ihre Kreativität nicht unterdrücken. Es wäre dumm, wenn ich einem Spieler, der drei Gegner umdribbeln kann, sagen würde: »Spiel früher ab!« Wer an drei Mann vorbeidribbeln kann, spielt für die Mannschaft.

Es gibt Trainer, die das anders sehen.
Für mich hat es aber Priorität, dass ein Spieler dribbeln kann. Klar, es ist auch klasse, wenn der Ball 30 Meter flach zwischen die Linien gespielt wird. Aber Mannschaften brauchen Schnelligkeit im Eins gegen Eins. Fußball ist ein Spiegel der Gesellschaft. Die Züge fahren schneller, und Informationen verbreiten sich schneller. Man schreibt etwas, und zwei Sekunden später kann es in Argentinien gelesen werden. Im Fußball muss man ebenfalls schnell handeln und antizipieren. Du musst schnell agieren mit dem Ball, schnell zurück in deine Position. So wird sich Fußball in den nächsten Jahren weiterentwickeln.

Was hat das mit den Dribblings zu tun?
Wenn ich von Schnelligkeit spreche, meine ich nicht, dass wir einen Usain Bolt wollen. Es geht zwar auch darum, schnell in die Tiefe laufen zu können und um Schnelligkeit mit dem Ball. Vor allem aber braucht es Schnelligkeit beim Denken, bei der Ballannahme 
und bei der Antizipation der Situation. Meine Spieler müssen am Flügel auch ins Dribbling gehen, statt direkt zu flanken. Flankt man sofort, ist nämlich meist nur ein Mitspieler im Strafraum. Wenn man aber hinter die Abwehr dribbelt, gibt es viel mehr Möglichkeiten. Nehmen wir Messi oder Neymar: Wenn sie dribbeln, haben die anderen sofort Panik. Sie spielen zwei Gegner aus und haben die ganze Abwehr destabilisiert. Ohne Dribblings ist Fußball langweilig.

Sie sind also kein Laptoptrainer, der jede Bewegung auf dem Platz festlegen will?
Nein, nein! Natürlich ist Fußball ein kollektives Spiel, und wir arbeiten sehr viel daran, wo wir uns auf dem Platz bewegen. Das muss man sehr diszipliniert machen, vor allem in der Defensive. Ansonsten bekommen die Spieler aber viele Freiheiten, man braucht individuelle Initiative. Wir wollen keine Roboter!

Neven Subotic von Borussia Dortmund hat mal gesagt, es sei unangenehm, gegen Mönchengladbach zu spielen, weil man nie wisse, was Ihre Mannschaft als Nächstes macht. Das dürfte Ihnen gefallen haben.
Ja, weil es zeigt, dass wir inzwischen verschiedene Lösungen haben. Es ist das Ergebnis eines Lernprozesses.

Sie sind von unserer Jury zum »Trainer der Saison« gewählt worden und Bundestrainer Jogi Löw hat in seiner Laudatio geschrieben, dass unter Ihnen Mannschaften insgesamt, aber auch einzelne Spieler immer schon besser geworden sind. Sehen Sie sich als Ausbilder und Entwickler?
Ein Trainer muss ein sehr guter Ausbilder sein, sonst fehlt etwas. Man muss die Jungen immer wieder korrigieren.

Und was ist mit den Alten, wie Roel Brouwers oder Martin Stranzl, die 33 und 35 Jahre alt sind?
Wenn du willst, kannst du lernen, bis du tot bist. Ich habe jeden Tag Spaß daran, mich zu entwickeln. Wenn ich etwas gelernt habe, bin ich den ganzen Tag zufrieden. Wenn ich über etwas lese, wovon ich noch nichts gehört hatte, bin ich glücklich. Mich interessiert alles: Politik, Wirtschaft, Ökologie, Natur, Kino, alles. Natürlich lese ich auch über Sport, allerdings keine Artikel über unsere Spiele, dazu habe ich keine Zeit. Ich würde es häufiger tun, wenn dort mehr über Fußball stehen würde. »L’Equipe«, die tägliche Sportzeitung in Frankreich, war früher fantastisch. Aber heute steht auch dort zu viel über Transfers und leider nur noch selten tolle Analysen von Trainern. Bixente Lizarazu allerdings macht dort gute Analysen, das gefällt mir.