Lucien Favre über seine Ballsucht und Menschenführung

»Meine Spieler sollen feiern«

Kein Laptoptrainer, aber Feierbiest. Lucien Favre verblüfft als Freiheitsapostel, Spielerflüsterer und mit erstaunlichen Lektüretips.

Theodor Barth
Heft: #
165

Lucien Favre, haben Sie im Urlaub Fußball-DVDs geschaut?
Nein.

Wirklich nicht? Angeblich haben Sie mal bei einer Reise noch im Boot vom Flughafen zum Hotel ein Spiel analysiert.
Nein, ich habe nur in der letzten Woche vor Saisonstart zu Hause ein bisschen geschaut. Vielleicht zehn oder zwanzig Minuten am Tag.

Hat Ihnen das gut getan?
 Ja.

Ihre Mitarbeiter bei Borussia Mönchengladbach vermuten, dass Sie sonst 40 oder 50 Stunden in der Woche Fußball am Bildschirm schauen. Stimmt das?
Nein, nein! Ich analysiere sonntags unser Bundesligaspiel, um die Spieler am nächsten Tag auf ihre Fehler hinweisen zu können. Oder auf das, was sie besonders gut gemacht haben. Manchmal dauert es fünf Stunden, weil ich mir viele Szenen mehrfach anschaue. Oder es sind nur drei Stunden, aber das machen viele Trainer so. Der nächste Schritt ist, dass ich mir die letzten beiden Spiele des kommenden Gegners komplett anschaue, das dauert natürlich.

Bekommt man vom vielen Gucken nicht Kopfschmerzen?
Mit einem guten Bildschirm und einer guten Brille geht es.

Oft hat ihre Mannschaft zwei Spiele in einer Woche, dann gibt es noch Material zu Spielern, die vielleicht als Neuzugänge interessant wären; kommen Sie nicht doch auf eine 40-Stunden-Woche vor dem Bildschirm? 

Wissen Sie, ich habe die Stunden nie gezählt. Es ist einfach mein Job, ich mache das schon lange so.

Wie hat es den Fußball verändert, dass den Trainern heute so viele Bilder zur Verfügung stehen?
Das ist der Fortschritt. Es hilft mir, einem Spieler genau zeigen zu können, wie er sich zu bewegen hat. Das Video ist der Beweis, was 
er richtig oder falsch gemacht hat.Es ist wichtig, dass er das im Kopf hat.

Macht die genaue Analyse jeder einzelnen Szene den Fußball auch planbarer?
Ich tue vor allem mein Bestes, damit die Spieler auf dem Platz Selbstvertrauen haben. Wenn sie zu einem Auswärtsspiel kommen, sollen sie darauf vorbereitet sein, was der Gegner macht. Du bist dann nicht von dessen Spielweise überrascht oder was bei Ecken und 
Freistößen passiert. Aber mich interessiert am meisten meine Mannschaft – viel mehr als der Gegner.

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