LINKEN-Politker Jan van Aken im Interview

»Das ist totale Willkür«

Jan van Aken war bei dem Verfahren gegen Deniz Naki in der Türkei vor Ort. Ein Gespräch über verdutzte Anwälte, St. Pauli und eine ungewöhnliche Freundschaft.

Privat

Jan van Aken sitzt seit 2009 für die LINKE im Bundestag und ist Mitglied des auswärtigen Ausschusses. Am Dienstag begleitete und unterstützte er Deniz Naki, der in der Türkei wegen Propaganda für eine Terrororganisation angeklagt war. Die Anklage gegen den ehemaligen deutschen Juniorennationalspieler wurde fallen gelassen.

Jan van Aken, Sie haben Deniz Naki bei seiner Gerichtsverhandlung in der Türkei begleitet. Wie stehen Naki und Sie zueinander?
Ich bin Fan vom FC St.Pauli und Deniz Naki. Ich kannte ihn nur von der Gegengerade im Millerntorstadion. Im Januar habe ich ihn dann zum ersten Mal in Diyarbakır besucht. Das war total spannend. Da haben wir stundenlang gequatscht. Mittlerweile ist es schon freundschaftlich. Er sagte, er macht das für die Kurden und Kurdinnen dort.

Warum waren Sie jetzt bei der Verhandlung vor Ort?
Als die Anklage gegen ihn erhoben wurde, habe ich sofort gesagt, dass ich als internationaler Beobachter hinfahren will. Wir haben uns mit seinem Anwalt beraten und er war fest davon überzeugt, dass es helfen würde, wenn wir ihn unterstützen.

Wie lief das Verfahren ab?
Die Anklage wurde vorgelesen, dann hat Naki Stellung bezogen, danach die Verteidigung. Und plötzlich kam der Staatsanwalt und beantragte die Einstellung des Verfahrens, weil alle Äußerungen Nakis durch die Meinungsfreiheit gedeckt sind. Nakis Anwalt erzählte später, dass ihm diese Begründung selbst in den besten Zeiten der Türkei noch nie wiederfahren ist. Das kam total überraschend. Alle waren völlig platt. Ein paar Tage vorher wurde die gesamte Führungsriege der HDP (Pro-Kurdische Partei, Anm. der Red.) festgenommen. Die sitzen jetzt wegen viel nichtigeren Gründen im Knast.

Warum kam es dann zu dem Urteil?
Nakis Anwalt konnte es sich nur mit der internationalen Anwesenheit erklären. Martina Renner (Bundestagsabgeordnete der LINKE, Anm. der Red.) und ich waren dort und deshalb auch der deutsche Gesandte der Botschaft und damit ein Repräsentant der Bundesregierung. Das hat bestimmt geholfen. Genauso wie die Aufmerksamkeit der Presse. Naki ist Kult in Kurdistan. Diese Baustelle sollte offenbar vermieden werden. 

Wie bewerten Sie das?
Das ist totale Willkür. Von den Abgeordneten der HDP kam einer wieder frei, der wie Naki einen deutschen Pass hat. Auch da war die deutsche Botschaft involviert. Hätten die zwei alleine da gestanden, wäre es wahrscheinlich zur Verurteilung gekommen.