Lille OSC – der Überraschungszweite der Ligue 1

»Eine von Europas besten Kontermannschaften«

Wegen der Auflagen der DNCG begann kurz darauf der große Ausverkauf. Für fast 70 Millionen Euro verließen Spieler den Verein, darunter auch der damalige Kapitän Ibrahim Amadou, der für 15 Millionen Euro zum FC Sevilla wechselte. Andersherum gab Lille laut transfermarkt.de gerade einmal 8,9 Millionen Euro für Neuzugänge aus. Mit José Fonte, 34, und Loïc Rémy, 31, holte man sich die fehlende Erfahrung zurück in die Mannschaft – was allerdings nicht bedeute, dass Nachwuchsspieler bei Lille nicht mehr gefragt seien. Im Gegenteil.

Gérard Lopez übergab Teile der Spielersuche an die von ihm gegründete Firma »Scoutly«. Frei von allen Störgeräuschen des Vereins sollte »Scoutly« in, Zitat Lopez, »exotischen« Ligen die nächsten Superstars fahnden. So stießen sie auf Zeki Çelik, 21, Rechtsverteidiger in der zweiten türkischen Liga bei Istanbulspor – wie selbstverständlich war Çelik vom ersten Spieltag an Stammspieler in Lille.

»Bip Bip« und die Looney Tunes

Aber auch mit Transfers innerhalb der Ligue 1 machte der LOSC nahezu alles richtig – Luiz Campos bewies, warum seine Akquise in Frankreich berüchtigt ist. Rund um Nicolas Pépé kreierte er eine neue Offensive. »Bip Bip« rufen sie in Lille dem Trio Pépé, Jonathan Ikoné und Jonathan Bamba hinterher. »Bip Bip«, wie die französische Version des rasenden Road Runners von den Looney Tunes heißt. Genauso schnell überfallen die drei die gegnerischen Strafräume. Bamba, 22, kam ohne Ablösesumme aus St.Etienne. Ikoné, 20, bei PSG ausgebildet, kostete 5 Millionen, als er im Sommer aus der Hauptstadt nach Lille wechselte. 


Mit seinen neuen Waffen verfeinerte Trainer Christophe Galtier das Umschaltspiel. Lille ging nach der Katastrophen-Saison oftmals als Aussenseiter in die Partien, sie überließen den Gegnern den Ball und schalteten nach dem Ballbesitz den Turbo an. »Wenn es um Konterattacken geht, ist Lille eine der besten Mannschaften Europas«, sagte ein begeisterter Thomas Tuchel, nachdem PSG 2:1 gegen seinen größten Konkurrenten, den LOSC, im November gewonnen hatte.

Mit der Zeit stellten sich die Ligue-1-Teams auf diese Taktik ein, immer öfter musste Lille sich überlegen, wie sie tiefstehende Gegner umspielen wollen. Seitdem ist Rafael Leão, 19, der im Sommer ablösefrei von Sporting Lissabon kam, unverzichtbar geworden. Der Mittelstürmer ist groß, 1,88 Meter, trotzdem schnell, wendig und sehr ballsicher. In den engen Räumen zwischen den defensiven Ketten ist er eine agile Anspielstation und gleichzeitig ein gefährlicher Vollstrecker.

»Dass es auch sehr schiefgehen kann, sehen wir zurzeit bei der AS Monaco«

Für Eric Carpentier ist diese gelungene Umstellung der Grund, warum Lille sich in dieser Saison in den Top drei der Liga halten wird. Carpentier ist Redakteur beim französischen Fußballmagazin So Foot, seit Jahren schreibt er dort über den LOSC. »Durch das Geld der Champions-League-Teilnahme ist es vielleicht sogar möglich, Nicolas Pépé über den Sommer hinaus zu halten«, sagt er. Andererseits sei ein schneller, ertragreicher Weiterverkauf eben die Strategie von Lopez, sodass es sich für ihn als Investor lohnt. »Sie vertrauen sehr stark ihrem Scoutingsystem bei der Suche nach einem adäquaten Ersatz für ihre Stammspieler«, erklärt Carpentier. »Dass das aber auch sehr schiefgehen kann, sehen wir zurzeit bei der AS Monaco.«

Monaco steht derzeit auf einem Abstiegsplatz – dort, wo sich Lille vor einem Jahr auch noch befand. Die Fans in Lille bleiben nach dem Auf-und-Ab der vergangenen Saison skeptisch gegenüber Lopez. Dennoch normalisierte sich das Verhältnis zwischen ihnen und dem Verein wieder – dem Erfolg sei dank. Auch Pépé zeigte sich nach dem Platzsturm nicht nachtragend. Im Sommer lehnte er einen Wechsel zu Olympique Lyon ab, er wollte lieber noch in Lille bleiben. Als hätte er geahnt, wo es für den LOSC hingehen sollte.