Leverkusens Superlativ

Das löwscheste Team

Wenn Joachim Löw Lehrer wäre und die Bundesliga eine Schulklasse, dann wäre Bayer 04 Leverkusen der Streber. Nirgends sonst arbeitet man dem DFB so fleißig zu. Doch natürlich ist ein Fleißkärtchen von Onkel Jogi nicht das einzige Ziel. Imago Michael Skibbe wartet noch. »Jogi hat mich noch nicht um eine Dauerkarte gebeten«, lacht Leverkusens Coach. »Aber sowohl er als auch seine Assistenten waren ja schon gern gesehene Gäste bei uns. Und das wird in der nächsten Saison sicher auch so sein«. Keine allzu gewagte Prognose, gleich acht aktuelle oder potentielle Nationalkicker werden Stammspieler bei Bayer sein.

[ad]

Wer nun den Jugendwahn bei der Werkself ausgebrochen wähnt, trifft allerdings zunächst auf Bernd Schneider, den Senior im Team, den manch einer schon in die Zielgruppe der Treppenlifte und Gehhilfen einsortiert hatte. Ganz im Gegenteil: »Bernd hat eine überragende Saison gespielt, und einer wie er hat den Willen und den nötigen Ehrgeiz, diese Leistung auch mit 33 Jahren noch mal zu bestätigen«, sagt Sportdirektor Rudi Völler. »Wenn er vom Verletzungspech verschont bleibt, dann kann er das auch schaffen«.

Schneider führt eine Mannschaft, die vieles auf einmal ist, vor allem ist sie sehr deutsch, sehr jung und sehr ambitioniert. Für die Hoffnungen auf höhere Weihen stehen vor allem die Stammkräfte Simon Rolfes und auch Gonzalo Castro, aber auch die Neuzugänge Manuel Friedrich und Lukas Sinkiewicz. Alle vier waren bereits im Kader der Nationalelf, für Friedrich und Sinkiewicz war die Euro im nächsten Jahr der wichtigste Grund für einen Wechsel an den Rhein. »Bei Bayer habe ich eine tolle Perspektive, da spiele ich in einem Spitzenteam und bin international dabei««, sagt Friedrich. Und Sinkiewicz, der Ex-Kölner, findet: »Als Abwehrspieler musst du in der 1. Liga spielen, um für die Nationalmannschaft in Betracht zu kommen. Deshalb musste ich wechseln. Ich habe natürlich persönliche Ziele, die EM ist nicht mehr weit weg. Es ist Ansporn und Ziel, dort dabei zu sein.«

Eine Seltenheit in der Liga: Mit Castro, Sinkiewicz und Friedrich spricht fast die komplette neue Viererabwehrkette deutsch. »In erster Linie war aber die Qualität und die Verfügbarkeit der Spieler entscheidend. Wir haben nicht besonders darauf geachtet, einen ausgeprägt deutschsprachigen Kader zusammenzustellen«, sagt Skibbe. Im Sturm streiten sich mit Paul Freier und Stefan Kießling noch zwei weitere Löw-Kandidaten um die rechte Offensiv-Position. Darüber hinaus steht zwischen den Bayer-Pfosten mit René Adler eines der größten Torhütertalente Deutschlands. Er wird vielleicht schon bei der Europameisterschaft im nächsten Jahr, spätestens aber bei der Weltmeisterschaft 2010 ein Kandidat für die drei Torwartpositionen im deutschen Kader sein.


Während sich andere Klubs, allen voran Bayern München, bei vielen fremdsprachigen Neuverpflichtungen Gedanken um die Integration machen müssen, wird bei Bayer so viel deutsch gesprochen wie lange nicht mehr. »Die für das Teambuilding so wichtige Kommunikation ist so natürlich leicht, weil außer Arturo Vidal und Theofanis Gekas alle Spieler gut deutsch sprechen«, sieht Mittelfeldspieler Simon Rolfes einen echten Vorteil. Und bei einem mit ausschließlich Deutschen, Schweizern, und anderen gut deutsch sprechenden Ausländern wie Sergej Barbarez bestückten Kader ist es für Vidal (kam von Colo Colo aus Chile) und Gekas (der griechische Torschützenkönig der letzten Bundesliga-Saison wechselte aus Bochum) eine Art positiver Druck, schnell Deutsch zu lernen, um vor allem die Kabinenwitze der Bayer-Burschen schnell zu verstehen. »Es ist eh wichtig, dass sie sich schnell akklimatisieren. Dazu gehört, dass sie sprachlich schnell zurecht kommen«, sagt Skibbe.

Nun sind Prognosen vor jeder Saison pure Kaffeesatzleserei. Und dennoch: »Wir haben das Zeug zum Überraschungsteam«, sagt Rolfes. Skibbe und Völler würden das ein wenig vorsichtiger formulieren. In dieser Saison ist die Qualifikation für das internationale Geschäft das Ziel. Also der UEFA-Cup. Aber wenn 2009 das auf 30 000 Zuschauer erweiterte und modernisierte Stadion fertig ist, dann will Bayer endlich wieder richtig angreifen, um die Champions-League-Plätze und vielleicht auch mal wieder um die Meisterschaft mitspielen. Aber neben diesen ehrgeizigen, langfristigen Zielen vergisst Völler auch nicht, bei seinem zu Wankelmütigkeit und fehlender Konstanz neigenden Kader schon von Beginn an für die anstehende Saison den Druck hochzuhalten. »Der Abstand zu den ersten vier Teams der Liga muss verkürzt werden«, fordert der Sportchef. Und was mit einer jungen, ehrgeizigen Mannschaft möglich ist, wenn sie erst einmal ins Rollen kommt, konnte man in der letzten Saison beim VfB Stuttgart sehen.
Der Schwabe Joachim Löw würde sich über Leverkusener Erfolge sicher genauso freuen.