Leon Goretzka über die Kommerzialisierung des Fußballs

»Die Fans sind mit Schalke verheiratet«

Müssen Sie sich dafür auf Schalke nicht auch den einen oder anderen Spruch anhören?

Nein. Ich fände es auch total falsch und unehrlich, wenn ich plötzlich sagen würde, dass der VfL Bochum keine Rolle mehr für mich spielt. Das wäre eine Lüge, die mir übrigens auch niemand abnehmen würde. Und den Schalke-Fans ist es sowieso wichtiger, dass ich mir für S04 auf dem Platz den Arsch aufreiße. Und ich hatte auch mit Schalke schon unglaublich viele Gänsehautmomente, nur eben aus der Spielerperspektive. Was glauben Sie, was das für ein geiles Gefühl ist, hier in der Arena ein Tor zu schießen? Schalke ist ein unglaublich emotionaler Klub, und diese Emotionalität gehe ich mit. Dafür muss ich meine Bochum-Vergangenheit nicht verschweigen.

Zumal Sie bei Bochum auch Profi wurden, bereits mit 17 Jahren. War das eigentlich ein sehr schwieriger Einstieg ins Profileben?

Weil ich so jung war?

Eher weil sehr schnell in großen Worten von Ihnen geredet wurde. Ihr Ex-Trainer Peter Neururer nannte Sie »das größte deutsche Talent der letzten 50 Jahre«.

Ich habe das nicht als große Belastung empfunden. Wenn Peter Neururer das sagt, kann ich das einordnen. Wenn mein Vater mir ständig gesagt hätte, was ich für ein Riesentalent sei, hätte ich mir eher einen Kopf gemacht, ob ich dem gerecht werden kann. Aber meine Eltern haben mich immer sehr geerdet, so dass solche Labels nie eine Rolle gespielt haben. Außer vielleicht im Spaß. Als ich neu auf Schalke war, empfing mich Jermaine Jones manchmal mit: »Ach, da kommt ja das Jahrhunderttalent.«

Sie sind noch drei Jahre zur Schule gegangen, als Sie bereits Profi waren. War das nicht eigenartig?

Sogar sehr eigenartig. Auf dem Berufskolleg in Bochum gab es viele VfL-Fans. Wenn du da am Wochenende 1:6 in Aue verlierst, darfst du dir ordentlich was anhören. Kurios war auch, dass ich den Mitschülern Autogramme geben musste. Als ich dann bei Schalke war, wurde es noch intensiver, weil wir unter der Woche plötzlich Champions League spielten. Meine Tage bestanden nur aus Training, Spiel und Schule, von sieben bis 22 Uhr.

Sie sagen, Schalke sei ein unglaublich emotionaler Klub. Wann haben Sie gemerkt, dass dieser Klub etwas Besonderes ist?

Mein erster Schalke-Tag, also der Fan-Tag in der Saisonvorbereitung war krass. Es waren 120 000 Fans auf dem Gelände. Wir Spieler wurden von je zwei, drei Security-Mitarbeitern durch die Menge geführt, einige Menschen wollten uns einfach nur einmal berühren – das war bizarr. So stellte ich mir eigentlich eher das Leben als Rockstar vor.

Als 18-jähriges Talent zu Schalke zu wechseln, kann auch schiefgehen. Ist die Emotionalität des Klubs nicht auch ein Hemmnis für junge Spieler?

Es geht hier immer hoch her. Aber wenn du es auf Schalke packst, spricht das auch für eine mentale Stärke. Und dass hier medial immer der Teufel los ist, bietet einem als junger Spieler auch die Möglichkeit, sich hinter anderen Baustellen zu verstecken.

Und der Druck von den Anhängern?

Die Fans sind mit Schalke verheiratet. Und sie legen großen Wert auf die Schalke-typische Malochermentalität. Aber es ist eine Illusion zu glauben, dass wir Spieler hier jeden Tag herkommen und denken, wir müssen jetzt malochen, malochen, malochen. Wie soll denn ein Benjamin Stambouli, der seit einem halben Jahr hier ist, diese Ruhrpott-Denke verinnerlichen? Ich komme aus Bochum, für mich ist das noch eher nachzuvollziehen. Und wenn wir mit der Mannschaft eine Grubenfahrt machen, versteht man diese Arbeitermentalität danach vielleicht auch besser. Aber im Endeffekt spielen wir Fußball und holen nicht die Kohle aus dem Berg. Und mal ehrlich: Die Tugenden, die die Fans hier von uns fordern, brauchen wir als Fußballer sowieso. Es gibt keinen Spieler, der sich nicht anstrengt. Was sollte ihm das bringen?

Sie sind seit vier Jahren auf Schalke und haben in dieser Zeit vier Trainer erlebt. Wird der Klub je zur Ruhe kommen?

Durch die neue sportliche Führung ist es in dieser Saison schon wesentlich ruhiger. Aber in den letzten vier Jahren war hier auch oft der Teufel los. Natürlich wäre es vielleicht manchmal leistungsfördernder, wenn man hier in Ruhe arbeiten könnte. Aber der Verein lebt auch von seiner Emotionalität. Die darf man nicht ersticken.