Leon Goretzka über die Kommerzialisierung des Fußballs

»Ich habe übrigens immer noch eine Dauerkarte«

2012 sagten Sie: „Ich verstehe Fußball nicht als Beruf, sondern als Leidenschaft.“ Sehen Sie das immer noch so?

Das habe ich gesagt? Da bin ich ja fast ein wenig stolz auf mich. (Lacht.) Aber ich sehe das eigentlich immer noch so. Klar, es gibt Momente, in denen es sich schon eher nach einem Beruf anfühlt. Aber die Leidenschaft, die Romantik für die Sache, versuche ich mir zu bewahren. Einige meiner Kumpels spielen Serie A ...

Serie A?

Kreisliga A. Denen sehe ich oft zu, und ich finde das unglaublich geil, wie die Jungs auf dem Ascheplatz hoch und runter rennen. Die holen sich Wochen später noch die Aschekrümel aus den Knien, aber die machen das, weil sie Bock auf dieses Spiel haben. Und nicht wegen der Kohle.

Das sagt sich als Profi wahrscheinlich leichter.

Klar. Aber Fußball würde mir auch Spaß machen, wenn es nicht so wäre. Und zu sagen, Profis verdienen zu viel und spielen nur wegen des Geldes, halte ich auch für Schwachsinn. Fußballer haben immer gut verdient. Aber man kann als Fußballer auch gut verdienen und sich die Leidenschaft für den Sport aufrechterhalten.

Würden Sie sich noch als Fan bezeichnen?

Auf jeden Fall. Aber ich bin nicht mehr in der gleichen Form Fan, seit ich auch Profi bin. Dafür weiß ich zu viel über das Geschäft und auch über das Spiel selbst. Von der Tribüne sehe ich heute ein Fußballspiel viel analytischer und weniger emotional als ein normaler Fan. Ich sehe, wie sich die Spieler bewegen, die Taktik usw. Es ist eine andere Form des Fan-Seins.

Und vor der Karriere?

Ich habe als Kind in Bochum fünf Minuten vom Stadion entfernt gewohnt und wohne auch heute noch dort. Als ich klein war, hat mich mein Vater ins Auto gepackt und mit zum Spiel genommen. Schnell war es normal für mich, am Wochenende ins Stadion zu gehen. Dadurch, dass ich beim VfL in der Jugend spielte, war ich irgendwann auch Balljunge. Als Kind war das natürlich das Coolste. Später ging es dann in die Ostkurve. Selbst als ich mit 17 bereits bei den Profis war, stand ich noch ab und zu dort. Das war allerdings auch der Punkt, an dem sich meine Fan-Perspektive geändert hat. Plötzlich kannte ich die Spieler. Vorher waren es heroische Figuren für mich. Dann steht man plötzlich mit ihnen unter der Dusche und redet über Alltägliches. Das macht die Heldenfiguren sehr menschlich.

Gibt es ein besonders schönes Stadionerlebnis mit dem VfL?

Jeder Heimsieg war schön. Ich war aber auch bei sehr tragischen Momenten dabei. Als Edu im Europacup gegen Standard Lüttich über den Ball trat und der VfL deswegen ausschied. Später bei Schalke hat er dann Inter Mailand im San Siro rasiert. Leider war er schon weg, als ich zu Schalke kam. Ich habe übrigens immer noch eine Dauerkarte für den VfL Bochum. Nicht mehr in der Ostkurve, aber wenn ich Zeit habe, gehe ich zu den Heimspielen.