Leon Goretzka über die Kommerzialisierung des Fußballs

»Alles ist durchkommerzialisiert«

Wann haben Sie das letzte Mal dazwischengehauen?

Nach einem 1:2 in Darmstadt muss niemand denken, dass wir gut gelaunt in der Kabine sitzen und Musik hören. Mittlerweile wird von mir auch erwartet, dass ich dann laut werde und die Jungs daran erinnere, um was es geht. Auch wenn ich in der Hinsicht natürlich noch am Anfang stehe.

Wer sind denn Ihre Vorbilder in Sachen Führungsqualitäten?

Mein Vater war in dieser Hinsicht ein Vorbild. Er hat bei Opel als Maschinenbau-Elektroniker gearbeitet und hatte da ein Team, das er führen musste. Von den Konflikten und wie er sie gelöst hat, hat er mir erzählt. Und auch wenn man das nicht eins zu eins auf den Fußball übertragen kann, hat mir das in Sachen Sozialkompetenz sehr geholfen.

Und im Fußball?

Benedikt Höwedes ist einer, bei dem ich mir viel abgucken kann. Und mit Horst Hrubesch (Goretzkas Trainer in diversen Jugendnationalmannschaften, d. Red.) telefoniere ich regelmäßig. Niemand ist perfekt, aber was die soziale Kompetenz angeht, ist Horst Hrubesch verdammt nah dran. Menschlich ist er überragend, da können Sie jeden seiner Ex-Spieler fragen. Man merkt bei ihm, dass ihm dein Wohlergehen am Herzen liegt. Er steht für die Menschlichkeit in diesem Sport. Und die geht dem Fußball leider so langsam verloren.

Oha. Woran machen Sie das fest?

Ach, man braucht sich ja nur umzugucken. Der Fußball ist sehr kalt geworden, alles ist sehr kontrolliert und eingeschränkt, alles ist durchkommerzialisiert. Und alle tragen ihren Teil dazu bei. Die Klubs, die Spieler, auch die Medien. Manchmal stehen hier Überschriften in der Zeitung, da müssten dem Spieler, über den geschrieben wird, vor lauter Versagensangst eigentlich zwei linke Füße wachsen. Dieses mediale Druckmachen, dieses Fertigmachen finde ich feindselig.

Nehmen Sie sich so etwas zu Herzen?

Nein. Und das versuche ich allen anderen Spielern auch zu vermitteln. Wir werden ja nach Spielen in den Medien immer benotet. Gerade junge Spieler hadern oft mit der Bewertung. Denen versuche ich dann klarzumachen, wer sie da bewertet. Das ist kein Trainer, in der Regel kein ausgebildeter Fußballfachmann, kein Spieler – sondern ein Journalist. Das ist in keiner Weise despektierlich gemeint, nur relativiert es in einigen Publikationen das Ergebnis.

Klingt, als wären Sie mit 22 bereits ein Fußballromantiker.

Ich finde nicht, dass das etwas mit dem Alter zu tun hat. Wahrscheinlich ist man mit sieben Jahren ein größerer Fußballromantiker als mit 22. Aber es gibt durchaus Momente, in denen ich mich als Fußballromantiker bezeichnen würde.

Welche Momente sind das?

Was mich sehr berührt hat, war der Bombenanschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund und wie die Fans damit umgegangen sind. Als klar war, dass das Spiel um einen Tag verschoben wird, haben BVB-Fans auf Twitter den Anhängern des AS Monaco Übernachtungsmöglichkeiten angeboten, damit sie am nächsten Tag das Spiel sehen können. Vor der Partie haben sie gemeinsam »You’ll Never Walk Alone« gesungen. Das sind Momente, in denen man sieht, dass diese Herzlichkeit und dieses Verbindende, das den Fußball eigentlich ausmacht, immer noch da sein kann.