Lehre des Spieltags (22)

Joga feio

Vergesst alles! Nach der 1:2-Pleite gegen den FC Augsburg sollte Darmstadt 98 nicht mehr am Klassenerhalt festhalten - sondern einfach Spaß am Fußball entwickeln.

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Seien wir doch mal ehrlich. Dass Darmstadt 98 in der vergangenen Saison nicht abstieg, glich einem Wunder. Die Kick-and-Rush-Taktik von Dirk Schuster funktionierte besser als bei den Briten in den Neunzigern. Sandro Wagner schoss Tore, die sonst keiner geschossen hätte. Aytac Sulu hielt hinten den Laden zusammen. Und im Notfall half der marode Rasen am Böllenfalltor aus.

Dieses Jahr wird das nicht mehr reichen. Schuster ist nicht mehr da, sogar in Augsburg längst entlassen, Wagner spielt für Hoffenheim um den internationalen Wettbewerb. Aytac Sulu ist nur manchmal ein Fußballgott und sogar das Böllenfalltor wurde den neuen Bedingungen entsprechend angepasst.

Das Spiel einstellen?

Vier Punkte holte Darmstadt in den letzten 13 Spielen. Zwar allesamt unter dem neuen Trainer Torsten Frings, der sich vom Vorwurf des fehlenden Stallgeruchs freimachen konnte, insgesamt aber doch viel zu wenig, um ernsthaft gegen den Abstieg zu spielen. Gegen den direkten Konkurrenten FC Augsburg hätten die Lilien mindestens ein Unentschieden gebraucht, genau genommen hätte nur ein Sieg weitergeholfen. Doch selbst die Führung durch Marcel Heller half nicht weiter. Darmstadt verlor 1:2, ist nun acht Punkte vom Relegations- und zehn Punkte vom Nichtabstiegsplatz entfernt. »Was sollen wir machen, das Spielen einstellen?«, war Frings von der Aussichtslosigkeit seiner Mission genervt.

Kurz gesagt: Darmstadt wird aller Wahrscheinlichkeit nach absteigen.

Kapitän Sulu bemängelte gestern Abend die immense Erwartungshaltung: »Der Druck ist mental schon groß, wenn man mit dem Gefühl ins Spiel geht, man muss gewinnen, sonst passiert das und das.«

Am Klassenverbleib loslassen

Obschon eine geringe Chance besteht, in den kommenden drei Wochen den eingeschlagenen Kurs massiv zu verändern. Gegen Bremen, Mainz und Wolfsburg spielt die Mannschaft gegen drei weitere Abstiegskandidaten. Dazu müssten aber alle Darmstädter am Klassenverbleib loslassen. Sich wieder einbläuen, dass 2012 die Regionalliga drohte. Und das ein Abstieg ein Beinbruch ist, der verheilen wird.

Joga bonito nennen die Brasilianer das schöne Spiel am weißen Sandstrand - den Fußball. Und nicht viel könnte Ipanema weniger ähneln als Darmstadt-Bessungen. Im vergangenen Jahr sahen die Fans hier vor allem Joga feio - das absolute Gegenteil vom schönen Spiel. Es wird Zeit, dass sich die Darmstädter eingestehen, dass sie sportlich nicht in die Bundesliga gehören. Dass sie fortan rausgehen und ohne Stressperlen auf der Stirn ihren Zuschauern ein gutes Spiel bieten sollten.

Darmstadt steigt eben ab

Vielleicht genügen der Spaß, die Leichtigkeit und die Muse am Spiel, um in den Abstand in den nächsten drei Wochen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Vielleicht auch nicht. Dann steigt Darmstadt 98 eben ab. Aber das wäre auch nur ein Beinbruch, der verheilen wird.