Lars Stindl im Interview

»Immer zwölf Kilometer, aber keine Sprints«

Sie waren in Hannover Kapitän und sind es nun nach nur einem Jahr auch in Gladbach geworden. War das für Sie überraschend? 
Wir hätten sicher viele für den Posten gehabt. Im Sommer haben mit Granit Xhaka, Martin Stranzl, »Howie« Nordtveit oder Roel Brouwers echte Größen den Verein verlassen, gleichzeitig sind aber Jungs wie Tony Jantschke oder Oscar Wendt in diese Führungsrolle gewachsen. Als wir zum ersten Mal darüber gesprochen haben, dass ich Kapitän werde, war klar: Wir entscheiden alles im Verbund. Ich spreche jedes Thema mit Tony, Oscar, Fabian Johnson, Yann Sommer und Christofer Heimeroth ab. Die Zeiten, in denen einer alleine den Ton angibt, sind vorbei.

Die Entscheidung kam für viele auch deshalb überraschend, weil sie nicht gerade als Lautsprecher bekannt sind.
Ich komme sehr gut damit klar, dass ich nicht so im Vordergrund stehe. Das liegt auch an meinem Spiel: Ich bin nicht unwichtig für die Mannschaft, aber ich spiele nun einmal nicht so spektakulär, ich falle nicht durch Fallrückzieher oder Geistesblitze auf. Ich schieße eher mit der Innenseite als mit dem Vollspann, dafür präzise. Ich war schon in der Jugend mehr im Hintergrund. Aber diejenigen, die damals heraus­stachen und im Blickfeld standen, haben es nicht nach oben gepackt. Ich konnte mich in Ruhe im Windschatten weiterentwickeln, immer Schritt für Schritt. So wie mein Laufstil: immer zwölf Kilometer, aber keine Sprints. (Lacht.)

Ihr KSC-Jugendtrainer Rüdiger Böhm erzählt, dass Sie sehr schüchtern waren. Sie waren bereits Profi, sprachen ihn aber immer noch mit »Herr Trainer« an.
Ja, das war bei einem Treffen bei unserem Klubhauswirt. Rüdiger Böhm war ein sensationeller Trainer, von dem wir nicht nur fußballerisch, sondern auch menschlich unglaublich viel gelernt haben. Er konnte auch autoritär sein, mir klingeln bis heute noch die Ohren von einer Halbzeitansprache in Grötzingen. Wir sind in dem Spiel etwas überheblich aufgetreten – wow, was hat der uns zusammengefaltet! Die Geschichte mit dem »Sie« ist mir aber noch einmal passiert.

Mit wem?
Mit Herrn Schmadtke, oder um es so zu sagen: mit »Schmaddi«. Wir verstehen uns super, er hat mich damals in die Bundesliga geholt. Ich duze ihn nun auch, obwohl ich das nicht so laut sagen darf. Er ist schließlich Kölner und ich Fohle.

Glauben Sie, dass Sie aufgrund Ihrer zurückhaltenden Art unterschätzt werden?
Nicht von den Leuten, bei denen es mir wichtig ist. Meine Familie, meine Freunde, mein Berater und dessen Helfer wissen, was ich kann. Auch hier bei der Borussia spüre ich die absolute Wertschätzung.

Letzte Saison erzielten Sie in 39 Pflichtspielen 29 Scorerpunkte. In dieser Saison spielen Sie wieder in der Champions League. Dennoch wurden Sie nie zur Nationalmannschaft eingeladen.
Ich versuche, meine Leistung zu bringen. Deutschland hat vorne sehr große Qualität, dann gibt es noch viele junge Spieler, die nachkommen. Mit 28 Jahren gehöre ich auch nicht mehr zu den Talenten. Ich hätte natürlich unglaublich gerne schon für die Nationalmannschaft gespielt, doch wissen Sie, ich bin absolut glücklich mit meiner Karriere. Wenn es nicht klappt, dann ist das halt so. Das ist kein Weltuntergang.

Oder Sie setzen sich dann wieder mal aus dem Windschatten durch.
Ja, richtig, so kann es natürlich auch gehen. Dann starte ich auf meine alten Tage noch durch.