Kunstrasen – Pro und Contra

Sex mit der Gummipuppe

Fast wäre es ein Debakel für die Tottenham Hotspurs geworden – auf dem Kunstrasenplatz zu Bern retteten sich die Briten zu einer 2:3-Niederlage gegen die Young Boys. Kunstrasen ja, Kunstrasen nein? Wir geben die Antwort. Kunstrasen – Pro und Contra In der Qualifikation zur Champions League sind die Favoriten der Tottenham Hotspurs nur gerade so einer Blamage entgangen. In Bern führten die gastgebenden Young Boys bereits nach 28 Minuten mit 3:0, erst spät gelangen den Engländern noch zwei Auswärtstore. Der Schuldige für die Niederlage war schnell gefunden: Tottenham-Trainer Harry Redknapp mault: »Kunstrasen gehört verboten!« Die ewige Diskussion um den Kunstrasen, sie geht in eine neue Runde. Wir machen fröhlich mit.


Kunstrasen ist ein Held weil...


Der Kunstrasen der neueren Generation bringt so viele Vorteile mit sich, dass man kaum weiß wo man anfangen soll. Vorbei sind die Zeiten, in denen Amateurfußballer ihre Knochen auf einem synthetischen Möchtegern-Grün von gestern malträtierten - der Kunstrasen von heute, also der »FIFA recommended 1 Star« oder »2 Star«, ist ein kleiner Heilsbringer.
Er ist zum Beispiel frei von Unebenheiten. Nie wieder verspringende Bälle, Passgenauigkeit hoch zehn garantiert – zumindest solange es die Fähigkeiten der Spieler zulassen. Und wenn der Ball wie am Schnürchen über den Platz läuft, ist der Zuschauer einer der größten Profiteure.

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Außerdem verheißt der Kunstrasen 2.0 ein geringeres Verletzungsrisiko für die geschundenen Gelenke und Bänder der Profis, bei möglichen 60 Spielen pro Saison ein nicht unerheblicher Faktor. Davon abgesehen hat die Medaille ja bekanntlich zwei Seiten und die zweite Seite hat im Fußball meistens mit Geld zu tun. Hier spielt der Kunstrasen seine Trümpfe erst richtig aus, denn er ist pflegeleicht wie die Frisur von Carsten Jancker. Er muss nicht bewässert werden, was gerade in südlicheren Breitengraden von großem Vorteil ist. Um gut in Schuss zu bleiben braucht er weder Sonne noch Wind, zwei Naturgewalten, die in den geschlossenen Fußballtempeln der Neuzeit nur begrenzt vorzufinden sind. So hält ein Kunstrasen nach Herstellerangaben mindestens fünf Jahre und verkraftet dabei sogar – und da wird es erst richtig interessant – Events. Ein Rasen, der selbst mehrere tausend Grönemeyer-Fans unbeschadet übersteht, ist bares Geld. Geld, das investiert werden kann. In den Sport. Nostalgie und Naturverbundenheit in Ehren, aber eine objektive Betrachtung der Thematik lässt nur ein Urteil zu: Vorteil Kunstrasen.


Kunstrasen stinkt weil...


Apropos Geruch. Kein Chemielaborant der Welt wird es in absehbarer Zeit schaffen den Geruch einer frisch gemähten Fußball-Wiese zu kopieren. Und selbst wenn es den Einheitsduft irgendwann mal geben sollte – wo bitteschön bleibt dann die Vielfältigkeit der Gerüche, die, wie jeder Mensch mit freier Nase weiß, von Stadion zu Stadion, von Dorfplatz zu Dorfplatz, anders sind. Fußball dauerhaft auf Kunstrasen, das wäre wie Sex mit einer Gummipuppe. Sicherlich irgendwie zu bewältigen, aber einfach nicht echt. Man kann den guten Harry Redknapp, Trainer der Tottenham Hotspurs mit beeindruckend losem Mundwerk, schon gut verstehen, wenn er behauptet: »Alle Spiele, die ich auf Kunstrasen gemacht habe, waren absolute Scheiße.« Aber, aber!, werden jetzt die Klugscheißer dazwischenfunken, Redknapp ist ein alter Sack und als er das letzte Mal auf Kunstrasen spielte stand die Mauer und die Kunstrasentechnologie war noch im Säuglingsstadium, und... Na und? Wir haben schon verstanden, Harry!

Kunstrasen zweipunktirgendwas ist nur ein weiterer Schritt in Richtung Fußball von der Stange, seelenlos, kalt, glatt und von Männern in Anzügen ferngesteuert. Das kann kein normaler Fußball-Fan wollen. Natürlich, ein gepflegter Rasenteppich (ob nun gerollt aus Holland oder gesäht vom Platzwart) hat so seinen Preis. Aber womit? Natürlich mit Recht. Was wäre die Fußball-Geschichte ohne das überflutete Waldstadion 1974? Und hätte Frank Mill nicht den Ball korrekt getroffen, wenn er ihn damals von einem aalglatten Kunstrasen geschossen hätte? Was wäre uns für ein großer Spaß entgangen! Ein richtiger Rasen lebt und fiebert mit, schließlich soll nach einem Hackmesser-Derby voll leidenschaftlicher Ganzkörpergrätschen der Untergrund nicht aussehen, als habe ihn ein englischer Gartenfreund soeben mit der Nagelschere beschnitten. Wir wollen aufgeschlitzte Quadratmeter nassen Rasens, schöne Fleckchen brauner Erde vor den Toren und Elfmeterpunkte, von den der Ball auch mal herunterrollt. So war es immer, so soll es immer bleiben.