KSC-Trainer Markus Kauczinski über Berater und Hakan Calhanoglu

»Ein Vertrag sollte erfüllt werden«

Um Markus Kauczinskis ehemaligen Schützling Hakan Calhanoglu entsponn sich im Sommer eine bizarre Wechselposse. Am Ende war der Spieler der große Buhmann. Zu Recht?

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Markus Kauczinski, welches sind für Sie die wichtigsten Tugenden eines Fußballtrainers?
(Lacht) Boah! Das ist ein weites Feld. Ich könnte Ihnen zehn Punkte mit weiteren dreißig Unterpunkten nennen, mache es aber kurz: Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Geradlinigkeit. Dazu Fachwissen und psychologische Kenntnisse.
 
KSC-Sportdirektor Jens Todt sagt über Ihre Mannschaftsführung: »Markus hat sofort die richtige Mischung gefunden zwischen Herzlichkeit mit den Spielern und klarem Zug in der Truppe.« Hat Ihr Vorgesetzter es damit auf den Punkt gebracht?
Ja, das passt. Man sollte stets varriieren und dabei authentisch bleiben, denn jeder weiß: Die Dosis macht das Gift. Wäre ich täglich streng und unnahbar, hätte ich keinen Erfolg. Wäre ich immer nachsichtig und freundlich, würde ich ebenfalls scheitern. Es hat sich bewährt, in manchen Situationen verständnisvoll und milde zu sein, in anderen dagegen unnachgiebig, fordernd und hart. Inzwischen habe ich die richtige Mischung drauf.
 
Haben Sie Ihren Führungsstil in den Jahren verändert?
Ja, allerdings ist die Grundausrichtung seit jeher die gleiche. Ich befinde mich beruflich seit über zwanzig Jahren auf dem selben Weg, habe auf ebenjenem aber einiges dazugelernt. Ich komme inzwischen beispielsweise eher auf den Punkt, weiß, welche Ansprachen ins Leere laufen und welche Rückmeldungen den Spieler eher verwirren statt weiterbringen. Wahrscheinlich rede ich nur noch die Hälfte dessen, was ich zu Beginn meiner Trainerkarriere so herausposaunt habe.
 
Wie würden Sie reagieren, wenn einer Ihrer Spieler öffentlich seinen Wechsel forderte, weil er ein Angebot eines Topklubs vorliegen hätte?
Da gibt es keinen Königsweg. Es kommt sowohl auf den Spielertyp an als auch auf dessen Biographie und Stellung in der Mannschaft. Bevor man sich ein Urteil bildet, sollte man wenigstens versuchen, sich in die Lage des Spielers zu versetzen - was im Übrigen nicht heißt, man würde automatisch Verständnis für dessen Verhalten aufbringen. Fakt ist: Eine Profikarriere ist relativ kurz. Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass man im Gespräch alles klären kann, und zwar  - ganz wichtig - bevor die Sache eskaliert.
 
Ihr ehemaliger Spieler Hakan Calhanoglu hatte im vergangenen Mai, nur wenige Wochen nach seiner Vertragsverlängerung beim HSV, mitgeteilt, er wolle schnellstmöglich zu Bayer Leverkusen wechseln. Die Treueschwüre, die er Tage zuvor aussprach, waren offensichtlich nicht viel wert. Hat Sie das Verhalten Calhanoglus überrascht?
Nein, dafür kenne ich ihn zu gut. Hakan hat einen klaren Plan. Er sieht sich nicht als durchschnittlichen Bundesligaspieler, sondern als etwas Besonderes. Er will in die Kategorie Topstar vorstoßen, und zwar so schnell wie möglich. Mir war klar, dass er alles ausreizen würde, um einen Wechsel zu ermöglichen.
 
Sind diejenigen Fans, die sich darüber aufregen, dass Profis ihre Verträge nicht einhalten, naiv oder gar altmodisch?
Wer sagt, derartiges habe es früher nicht gegeben, der glorifiziert die Vergangenheit. Es gab schon immer Spieler, die ihren Wechsel in gewisser Weise erzwungen haben. Der einzige Unterschied: Früher sah die Medienlandschaft anders aus. Glücklicherweise sehe ich viele Profis, denen Verträge wichtig sind, denen das Wort auch Monate oder Jahre später noch etwas bedeutet. Vertragsauflösungen sind definitiv keine Modeerscheinung. Aber bitte verstehen Sie mich nicht falsch, auch ich bin der Meinung, ein Vertrag sollte erfüllt werden.
 
Aber?
Es greift zu kurz, nur auf die Spieler schimpfen, denn auch Vereine lösen Verträge auf oder halten sich nicht an Absprachen. Trainer werden entlassen, Spieler aussortiert - all das gehört zum Geschäft dazu.
 
Sie haben viele Jahre im Nachwuchsbereich gearbeitet - hatten Sie in jener Zeit oft den Eindruck, Jugendliche würden zu stark von ihrem Umfeld beeinflusst?
Das kann man so pauschal nicht sagen. Ich finde es auf jeden Fall unpassend, wenn 14-Jährige mit Beratern aufkreuzen. So was sollten die Eltern unterbinden.
 
Sind Eltern nicht oft die gefährlichsten Berater im Sport?
Teils, teils. Es gibt viele Eltern, die einsehen, dass es keinen Sinn ergibt, einem 14-Jährigen zu erzählen, ihm stehe eine erfolgreiche Profikarriere bevor. Wer kann schon voraussagen, wie der Junge sich entwickelt? Aber klar, auch ich habe fanatische Eltern kennengelernt, die ihr Kind zusätzlich unter Druck setzen.
 
Würden Sie von einem Trend sprechen?
Nein, auch das hat es schon immer gegeben, in nahezu allen Sportarten. Ein großer Prozentsatz der talentierten Jugendlichen wird mit dem Fußball später kein Geld verdienen, die wenigsten schaffen den Sprung ins Profigeschäft. Man sollte daher solange warten, bis der Junge in einem Alter ist, in dem die Verantwortlichen zumindest einigermaßen abschätzen können, wohin der Weg geht. Später ist es dann durchaus sinnvoll,  ihm einen professionellen Berater an die Seite zu stellen. Das Geschäft ist bekanntlich hart, die Jungs können professionelle Hilfe daher gut gebrauchen.