Kroatiens Hoffnungsträger Luka Modric

Der neue Cruyff

Luka Modric flüchtete vor dem Krieg, biss sich durch die bosnische Liga, wurde bei Dinamo Zagreb zum Shooting-Star – und jetzt zahlt Tottenham Hotspur ein Vermögen für ihn. Bei der EM soll er Kroatien zum Erfolg führen. Kroatiens Hoffnungsträger Luka ModricImago Die Nachricht vom 26. April verblüffte alle, auch den Spieler selbst. »Ich war zuerst sehr überrascht, als der Präsident von Dinamo Zagreb mir sagte, dass er sich mit Tottenham Hotspur geeinigt hat«, gab Luka Modric zu. »Im nächsten Moment aber war ich stolz, dass ich nach England komme.« Die Premier League hatte sich schon seit längerer Zeit als Bestimmungsort für den international heißbegehrten Kroaten herauskristallisiert. Die halbe Insel jagte den 23-Jährigen, erst recht nach seinem eindrucksvollen Auftritt im Wembley-Stadion im November 2007. Modric hatte Kroatien damals zu einem 3:2-Auswärtssieg geführt, der das EM-Aus für England besiegelte.

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Kevin Keegan, der Trainer von Newcastle United, war sicher, dass Modric in der nächsten Saison im schwarz-weißen Trikot der Elstern auflaufen würde. Zuvor hatte Chelsea-Eigentümer Roman Abramowitsch schon fünf Millionen Euro geboten. Nicht als Ablöse - allein für das Vorrecht, das erste Angebot abgeben zu können. Zagrebs Manager Tomislav Marcinko zählte im Winter schon freudig die Nullen auf dem Scheck: »Herr Abramowitsch wird für jedes einzelne Kilo von Luka Modric bezahlen.«

Die Partisanen und die Marsmännlein

Modric ist 1,75 Meter klein und 65 kg schwer. Eine Feder hinter den Spitzen, zeichnungsberechtigt für das Spiel. Eine klassische Nummer zehn. Nach Marcinkos Formel wären 65 Millionen Euro für ihn fällig gewesen, doch am Ende zahlte Tottenham »nur« 23 Millionen Euro. Rekordablöse für einen Dinamo-Spieler, natürlich. Und voraussichtlich sogar ein Schnäppchen. Spielt Modric tatsächlich die Europameisterschaft, die sich seine Kollegen in der Nationalmannschaft und andere Experten erwarten, wird sein Marktwert explodieren.

»Er kann die Gegner nicht herumschubsen, aber er besticht mit seinen schnellen Füßen, mit seiner Balance und seinen Ideen«, sagt Mitspieler Niko Kranjcar. »Er kann den ganzen Tag rennen und wunderbar Fußball spielen. Er ist etwas ganz Besonderes.« Sein zukünftiger Trainer bei den Spurs bezeichnet ihn als besten Nachwuchsspieler der Welt. »Doch ich muss das bei der EM erst beweisen«, sagt Modric, dem viele eine Ähnlichkeit zu Hollands Altmeister Johan Cruyff nachsagen.

Der Junge aus dem Kolovare

Im Hotel Kolovare an der dalmatinischen Adria-Küste hat er schon vor 16 Jahren mächtig Eindruck hinterlassen. Es war 1992, Bürgerkrieg in Jugoslawien. Die aus dem Dörfchen Zaton stammende Familie von Luka Modric war wie viele Tausende auf der Flucht vor serbischen Milizen. Seinen Großvater hatte man umgebracht. Das "Kolovare" in Zadar wurde zum Auffanglager für die Verfolgten und für die Kinder zum Spielplatz: in Esssälen, in Zimmern und im Treppenhaus lernte der siebenjährige Luka mit dem Ball umzugehen. »Er spielte nonstop Fußball, überall«, erzählt ein Hotelsprecher, »er machte mehr Fenster kaputt als alle Bomben«.

Irgendwie brachte der Vater 500 D-Mark für ein Fußball-Camp im Sommer auf, dort erkannte man Lukas Talent. Der Lokalverein NK Zadar nahm ihn unter Vertrag und brachte ihm das Spiel auf dem Rasen bei. Mit 15 wechselte er zu Dinamo Zagreb. Die Haupstädter gaben ihn bald an Zrjinski Mostar weiter, in der von Härte und allgemeiner Gesetzlosigkeit geprägten bosnischen Liga lernte Modric, sich durchzubeißen. »Wer dort spielen kann, kann überall spielen«, sagt er heute. Über Inter Zapresic ging es 2005 wieder zurück nach Zagreb. Der FC Bayern, Ajax, Werder Bremen und Arsenal wurden vorstellig, der gewiefte Dinamo-Präsident Zravko Mamic sagte immer wieder nein. Er wusste: die Zeit spielt für ihn. Und für Modric.