Kreisliga-Verein im Pokalspiel gegen Duisburg

Helden der Unterklasse

Alle Geschichten, alle Spieler, die in den folgenden 90 Minuten erzählt werden und Geschichte machen, kann man hier nicht aufschreiben. Aber ein paar.

Wie die von Tom Machenbach, 21 Jahre alt, bestimmt über Einsneunzig, krauses blondes Haar, das oben etwas vogelnestig auf dem Schädel thront. Innenverteidiger und vermutlich in die Rudi-Mirtic-Aufrechtschule gegangen, so kerzengrade läuft dieser Hüne. Sehr sympathisch, wie sich später beim Bier herausstellen wird. Er bekommt es heute mit Duisburgs Bestem zu tun: Kingsley Onuegbu, 30 Jahre, Nigerianer, 1,91 Meter, 64 Zweitligaspiele, 131 Drittligaspiele. Ein Tor im DFB-Pokal. Schluck.

90 Minuten gegen Duisburgs Starstürmer – »Lief schon ganz gut«

Machenbach macht das gut. Sehr gut. Steht tief, ist aber gleich dran am Mann, so wie es der Trainer gefordert hatte. In den Zweikämpfen gegen den athletischen Onuegbu ist jeder Solinger so gut wie chancenlos, aber Machenbach hat dabei noch die besten Chancen. Und so schmeißt er sich in die Kopfballduelle und Bodenzweikämpfe, die im Vergleich mit diesen Leistungssportlern wahnsinnig intensiv sind. »Ja, lief schon ganz gut«, fasst er das später trocken zusammen. Ist wirklich sehr trocken, denn Machenbach spielt einfach toll. Erst nach 19 Minuten fällt das 0:1, zur Halbzeit steht es 0:3, am Ende verliert Solingen 0:7. Das ist, vergleicht man die Umstände, wie ein umjubelter 5:0-Sieg.

Besonders für den Torwart, Marcel Siemes, der vorhin noch so eine Krawatte hatte. Bis zur A-Jugend war er Schlussmann bei Borussia Mönchengladbach. Eine Kindheit und Jugend, ausgerichtet auf diese eine große Möglichkeit: Profifußballer. Mit dem Sport Geld verdienen und im besten Fall zum Helden werden. Wenn auch nur für eine Nacht. Dann, mit 17: Kreuzbandriss, die Kollegen zogen auf dem Weg zum Glück an ihm vorbei, wie das Peleton am frisch Gestürzten. Als das Knie wieder gesund war, hatte sich Siemes bereits entscheiden müssen. Sichere Ausbildung gegen die Rest-Chance vom großen Traum. Man möchte ihm nicht zu nahe treten, aber in seinem generellen Gesichtsausdruck lässt sich eine Spur von Bitternis nicht verbergen. Vielleicht hat das ja auch was mit der Entscheidung von damals zu tun. Jetzt ist er 29. Und heute kann er es ja noch mal allen zeigen. Duisburg, Dritte Liga, niemand in dieser Mannschaft war näher dran als er. Siemes kassiert nur sieben Gegentore, und hat mindestens drei Paraden, die das schönste Geräusch provozierten, das Torhüter kennen: die Mischung aus enttäuscht-erlöst aufbrausendem Gestöhne. Nach dem Schlusspfiff kommt Duisburgs Torwart Marcel Lenz daumenhebend auf ihn zu und gratuliert zum guten Spiel. Das sieht echt aus.

»Dann hauen wir uns weg«

Stange, Matthias, hatte vor dem Anstoß mit Nils Köfeler um einen Kasten Bier gewettet. Wer schafft die meisten Tunnel? Beide schaffen einen, »das heißt«, schreibt Stange wenige Tage nach dem Spiel via Whatsapp, »wir beide schenken uns gegenseitig eine Kiste und hauen uns dann weg«.

Neben mir auf der Bank sitzt Niklas Schwab, 20 Jahre, dünnes Hemd. Aber ein Gesicht wie der jüngere Bruder von James Dean. Solche Schönlinge haben meistens einen guten Vorrat Selbstbewusstsein angehäuft und eigentlich kann man sie dafür ja nur beglückwünschen oder beneiden. Schwab sitzt zunächst draußen, und wird dann in der 67. Minute für den schnellen Johannes-Mick Wolf eingewechselt. Kurz darauf sprintet er zwei Drittligaverteidigern davon und wenn das hier ein Comic wäre, wüsste man ganz genau, was in den Sprechblasen über den beiden überrumpelten Abwehrspielern stehen würde. Sein Schuss geht knapp vorbei. Wir sind Helden? Naja, beinahe.