Kreisliga-Verein im Pokalspiel gegen Duisburg

Genitalienvergleich auf der Tribüne

Mirtic ist Trainer dieser Mannschaft. Gerade erst hat er seinen 40. Geburtstag gefeiert. Von der Seite betrachtet ähnelt er ein wenig Action-Legende Dolph Lundgren: dieselben markanten Gesichtszüge, vorgestrecktes Kinn, tiefliegende Augen, kerzengerade Haltung. Falls Rocky Balboa gleich auftauchen würde, Rudi Mirtic wäre bereit. Der Gegner heißt allerdings Duisburg. Und nun droht miese Stimmung. Mirtic muss jetzt auch mal ein bisschen Action machen.

Die erste Zehn-Euro-Strafe des Tages

»Männa!«, legt Mirtic im regionaltypischen Dialekt los und verkündet am Ende der ersten Brandrede des Tages Zehn-Euro-Strafen für jeden, der noch einmal das Wort »Bus« in den Mund nimmt. Die Mannschaft lauscht, akzeptiert, hockt sich kurze Zeit später noch etwas widerwillig in den Linienschlauch und lässt wummernden HipHop aus der mitgebrachten Box ballern.



Und so ziehen die Amateure in die Schlacht. In einem Edeka-Bomber, aus dem der Bass brüllt und der sich jetzt durch die Straßen von Solingen windet. Das ist so wunderbar skurril, dass es schon wieder passt zu diesem Tag, diesem Spiel. Da sitzen sie nun, die meiste Zeit der Fahrt stumm, und fahren dem stärksten Gegner entgegen, den sie je in ihrem Leben gegenübertreten werden. Burak, Christian, Dennis, Kevin, Halil, Felix, Marcel, Henri, Jason, Kevin, Levin, Manuel, Marcel, Johannes, Matthias, Niklas, Nils, Rolf Fabian, Tom. Und Rudi. Als der Bus das Stadion erreicht sind es noch 90 Minuten bis zum Anpfiff.

Gnadenloser Angebersound in der Kabine

Ordner werden abgeklatscht, Freunde begrüßt. Im Stadion läuft gerade ein Spiel zwischen den U11-Mannschaften beider Vereine. In der Kabine verteilt Mirtic die Nummern und malt die Aufstellung an die Tür. Muss er hier noch irgendwen groß motivieren? Natürlich nicht. Mut machen wäre jetzt nicht schlecht. Aus der Box versucht es Tyga mit seiner »Rack City Bitch«, gnadenloser Angebersound. Aber da geht es um Frauen flachlegen und nicht Duisburg besiegen. Draußen warten 2000 Zuschauer und ein Drittligist. Das wird den meisten jetzt erst richtig bewusst. Fußball ist, verteilt auf elf Schultern, auch Kampfsport. Ein Ignorant, wer vor einem Kampf nicht erst die eigenen Ängste besiegen müsste.





Der MSV ist da. In einem edlen schwarzen Bus. An den Handgelenken der Profis baumeln Kulturbeutel, die vermutlich teurer sind als der komplette Solinger Trikotsatz. Die Kreisligisten stehen Spalier und bekommen den Mund nicht auf. Die Drittligisten ignorieren gekonnt den Gegner. Das Spiel hat schon begonnen.

Tritte, Schubsereien, Wurfgeschosse

Auch auf den Tribünen. Minuten vor dem Spiel stürmen plötzlich aus beiden Lagern mehrere Dutzend Anhänger aufeinander los, Ultras aus Duisburg gegen einen zunächst schwer definierbaren Mischmasch aus Union-Solingen-Fans und befreundeten Düsseldorfer Ultras, die wiederum noch eine Rechnung mit den Duisburgern offen haben und sich, wie es bei solchen Genitalienvergleichen üblich ist, die größtmögliche Bühne gesucht haben. Tritte, Schubsereien, Schläge, ein paar Wurfgeschosse und ganz viel überschüssiges Testosteron. Irgendwann hat die Polizei die Gruppen getrennt. Es ist so erbärmlich wie es sich anhört. Zum Glück wird heute Fußball gespielt.

Warm machen, rein in die Kabine, letzte (sehr defensive) taktische Details. Und Rudi rüsselt: »Fehler werden passieren – macht keine absichtlich. Ok? Spielt Fußball, habt Spasss heute.«




Jetzt raus. Stollen klackern nervös auf Beton, erst der Rasen schluckt den Aluminium-Sound und auch die Aufregung. Mit Einlaufkindern an der Hand geht es in den Mittelkreis. Stange, der Rechtsverteidiger, macht genau das Richtige und grinst wie ein Honigkuchenpferd. »Spasss haben« sollen sie heute. Hier sind sie, die 90 Minuten Ruhm, mit einem vollem Stadion, einem großen Gegner und dem eigenen Namen, der aus Lautsprechern plärrt. Solingen gegen Duisburg. Supergeil.