Kreisliga-Verein im Pokalspiel gegen Duisburg

Das Spiel ihres Lebens

Ein Kreisligist aus Solingen gegen den MSV Duisburg. Im Pflichtspiel. Ein Erfahrungsbericht zwischen Hooligans und Dolph Lundgren.

Alex Raack

Als die Abseitsfalle zuschnappt, hat sich der Tag schon gelohnt. Fünf, sechs Profis, für ein paar Sekunden verarscht von einer Kreisliga-Truppe. David hat an diesem Tag keine Chance gegen Goliath, die Steinschleuder bringt nicht viel. Aber zumindest hat David den Riesen einmal in die falsche Richtung geschickt. Per Abseitsfalle nach einem Freistoß. Das Traumtor des kleinen Mannes. Und nie wird sich der Kreisligist an diesem Tag mehr auf Augenhöhe mit den Profis fühlen wie in diesem Moment.

Sie hatten nicht nur Glück – sie zogen das Hauptlos

Der Post SV Solingen hatte eine merkwürdige Saison 2015/16. In der Kreisliga A Solingen schrammte die Mannschaft nur knapp am Abstieg vorbei und kassierte in 32 Spielen 91 Gegentreffer – der zweitschlechteste Wert. Aber der Pokal hat auch hier seine eigenen Gesetze. Eine davon lautet: Selbst vermeintlich schwächere Teams können die geltenden Gesetze für 90 Minuten außer Kraft setzen. Drei Bezirksligisten schmiss Solingen aus dem Wettbewerb, erst im Endspiel setzte es eine klare 1:10-Niederlage gegen den bereits als Oberliga-Aufsteiger feststehenden Bezirksliga-Meister Sportfreunde Baumberg. Kleiner Trostpreis: Weil die Sportfreunde qua Oberliga-Zugehörigkeit ohnehin für den Niederrhein-Pokal qualifiziert waren, rutschte auch der Kreispokal-Vize in den Lostopf für die erste Runde.

Und die Solinger hatten bei der Auslosung nicht nur Glück. Sie zogen das Hauptlos: den MSV Duisburg. Ein Kreisligist gegen den frisch aus der zweiten Liga abgestiegenen Traditionsverein, solch eine Paarung besitzt auch in deutschen Pokalwettbewerben Seltenheitscharakter. Der Post SV verkündete stolz auf seiner Homepage das »Spiel des Jahres«. Eine Untertreibung. Für die Helden aus der Unterklasse war es das Spiel ihres Lebens.

Mit auf der Bank sitzen beim Spiel ihres Lebens? Kein Problem

Matthias Stange ist Rechtsverteidiger bei den Solingern. Und 11FREUNDE-Leser. Also schickte Stange, wie er auch von seinen Mitspielern gerufen wird, eine Mail in die Redaktion und lud zum Spiel gegen Duisburg ein. Die fragte, ob es denn okay wäre, wenn man die Mannschaft an diesem denkwürdigen Tag vom Treffpunkt am Vereinsheim bis zum Gute-Nacht-Bier hautnah begleiten dürfe, Kabinen- und Bankplatz inklusive? Kein Problem, antwortete der 23-Jährige. Kreisliga eben.

Freitag, 2. September 2016, 16 Uhr. Ich treffe die Mannschaft vor dem charmant-urigen Klubheim. Junge Typen, nette Kerle, ein paar Kippchen gegen die erste Nervosität. Es gibt Cola, Fanta, Sprite, Kuchen, und genügend Zeit festzustellen, dass die Kreisliga wie Fahrrad fahren ist. Wenn man es einmal gelernt hat, vergisst man es nie. Das könnte hier auch mein eigener Verein sein. Oder jeder andere x-beliebige Klub. Wohl fühlt man sich, wenn man es kennt, vermutlich immer. Der einzige Unterschied ist hier: In zwei Stunden spielt der Post SV gegen den amtierenden Tabellenführer der Dritten Liga. In einem Pflichtspiel vor knapp 2000 Zuschauern in der altehrwürdigen Solinger Jahnkampfbahn.

Ein Linienbus mit »Edeka«-Werbung für das Spiel des Jahres

Doch jetzt gibt es erstmal Probleme. Vorne, an der Straße, wartet der Bus, der die Mannschaft zum Stadion fahren soll. Zum Kreispokalfinale hatten sich die Spieler selbst um ein Vehikel gekümmert. Stolz zeigt Stange auf seinem Handy Fotos. Der ganze Haufen posiert vor einem eleganten schwarzen Ungetüm. Edel geht die Welt zugrunde: Das Endspiel ging zwar haushoch verloren, aber vorgefahren war man wie ein Champions-League-Teilnehmer. Und heute? Hat sich der Vorstand um den Bus gekümmert. Und tatsächlich einen regulären Linienbus der Stadt organisiert, zugeklebt mit »Edeka«-Werbung. Die Anzeige über der Fensterfront verkündet in dicken gelben Buchstaben eine »Sonderfahrt«. Supergeil? Wohl kaum. Torwart Marcel Siemes – breite Schultern, ernster Blick, früher in der Jugend von Borussia Mönchengladbach aktiv – hat »so einen Hals«. Und auch der Rest der Mannschaft ist genervt, zum Spiel ihres Lebens wollte man eine angemessene Anfahrt haben. Jetzt muss Rudi Mirtic was tun.


Entschuldigen sie bitte, ist das die Sonderfahrt zu Jahnkampfbahn? Die Freude über den Luxusliner steht den Fußballern ins Gesicht geschrieben. (Fotos und Videos: Alex Raack)