Kommentar zum Videobeweis (ja, schon wieder!)

Die Aytekinsche Unschärferelation

War Herthas Elfmeter im Spiel gegen Hoffenheim berechtigt? Warum hat der Videobeweis nicht gegriffen? Und was bitte ist ein Rückläuferabseits? Unser Autor weiß Bescheid und kommt zu einem erstaunlichen Fazit.

imago

Früher, als der Fußball den Videobeweis noch mied wie Dracula das Sonnenlicht, da hatten die Traditionalisten vor allem dieses Totschlagargument: »Das Herrliche am Fußball ist doch gerade, dass wir montags so wunderbar über die Abseitsentscheidungen und Elfmeterpfiffe vom Wochenende diskutieren können!«

Zwar leuchtete mir dieses Argument nie so richtig ein, weil ich persönlich nichts Wunderbares daran finde, mich noch am Montag, zwei Tage nach dem Spiel, darüber zu ärgern, dass mein Verein durch eine Schwalbe oder was auch immer um drei Punkte betrogen worden ist.

Falsch und richtig zugleich

Aber das ist ja jetzt auch egal, denn seit Einführung des Videobeweises herrscht offenkundig kein Mangel an wunderbaren Diskussionen. Ja, in gewisser Weise hat der Assistent am Bildschirm den Fußball sogar um Elemente erweitert, an denen Heisenberg seine Freude gehabt hätte.

Nehmen wir nur mal die Partie zwischen Hertha und Hoffenheim vom Samstag, bei der eine Sache ihr Gegenteil war. Oder, etwas griffiger formuliert, bei der eine Entscheidung des Schiedsrichtergespann gleichzeitig falsch und richtig war. 

Selten stand jemand derartig abseits

Gemeint ist natürlich der Elfmeter zum 0:1, bei dem Hoffenheims Nico Schulz von Niklas Stark gefoult wurde. Alle Experten, die Sky aufbieten konnte — von Markus Merk bis Christoph Metzelder, der sogar das Wort »Skandal« in den Mund nahm —, waren entsetzt über den Elfmeterpfiff, denn als Serge Gnabry die Mischung aus Flanke und Toschuss abgab, die Stark dann unter Kontrolle zu bringen versuchte, stand Schulz abseits.

Ja, man kann guten Gewissens sagen, dass selten in der Geschichte des Fußballs jemand derartig abseits war wie Schulz: Er stand im Toraus, gute zwei Meter hinter Herthas Torwart.

Allein deshalb hätte es keinen Elfmeter geben dürfen

Doch wie es in den Regeln heißt: »Die Abseitsstellung eines Spielers stellt an sich noch kein Vergehen dar.« Und so ließ der DFB noch während der Partie (!) mitteilen, dass Aytekins Pfiff regelkonform gewesen wäre, weil Stark den Ball unter Kontrolle gebracht hatte, bevor er von Schulz angegriffen wurde, womit eine neue Spielsituation entstand. Grummelnd akzeptierten alle Beteiligten diese Sichtwiese nach der Partie, sogar Pal Dardai. Allerdings entwich dem Ungar ein kurzer, aber wichtiger Hinweis. 

»Das ist nicht fair«, sagte Dardai. Und das stimmt. Und schon allein deshalb hätte es keinen Elfmeter geben dürfen.

Referees hassen diese Momente

Um das zu erklären, müssen wir kurz einen Begriff aus dem Schiedsrichter-Jargon einführen: Rückläufer-Abseits. Es liegt vor, wenn ein Angreifer abseits steht, als er angespielt wird, und dann dem Ball entgegenläuft.

Wenn jetzt noch die Verteidiger nach hinten weichen, kann es passieren, dass der Stürmer den Ball annimmt, während er mehrere Meter vor der Abwehr steht. Referees hassen diese Momente, weil niemand im Stadion versteht, warum gepfiffen wird. (Fernsehreporter sagen dann immer erklärend: »Er kam aus dem Abseits.«)