Kommentar: Scholl vs. Gomez

Mein lieber Scholli

Nach seinem über weite Strecken schwachen Auftritt im Auftaktspiel gegen Portugal übte ARD-Experte Mehmet Scholl heftige Kritik an Torschütze Mario Gomez. Endstanden ist daraus eine Debatte, die noch immer nicht totgeritten ist. Warum eigentlich?

Fußball kann so einfach sein. So lange man im Stadion oder vor dem Fernseher sitzt und sich das Treiben auf dem Rasen anschaut.

Fußball kann so kompliziert sein. So lange man nicht im Stadion oder vor dem Fernseher sitzt, sondern auf dem Rasen steht und dafür sorgen soll, dass alles so einfach aussieht.

Der ARD-Experte Mehmet Scholl war früher selbst Fußballer, sogar ein ziemlich guter. An seinen besten Tagen sorgte er dafür, dass Fußball nicht nur einfach, sondern geradezu lächerlich einfach aussah. Er schlug dann wilde Haken, die Gegenspieler fielen auf den Hosenboden und Scholl schoss den Ball ins Netz. Ganz einfach.

Heute arbeitet Scholl fürs Fernsehen, er ist einer von uns geworden, den Zuschauern. Er kann sich vielleicht besser als viele andere in die Fußballer auf dem Rasen hineinversetzen, aber er muss nicht mehr selber spielen. Er hat jetzt einen anderen Blickwinkel. Und er wird dafür bezahlt, darüber zu sprechen.

Nach dem Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal, Deutschland hatte durch ein Tor von Mario Gomez knapp mit 1:0 gewonnen, spielte sich im ARD-Studio folgender Dialog zwischen Moderator Reinhold Beckmann und Experte Mehmet Scholl ab.

Beckmann: »Wir wollen ihn (Gomez) jetzt auch mal ein bisschen feiern.«

Scholl: »Ich hatte zwischendurch Angst, dass er sich wundgelegen hat, dass man ihn wenden muss. Es war zwischenzeitlich wirklich extrem. Die Mittelfeldspieler, die Abwehrspieler – sie wollten nach vorne spielen, sie wollten in die Spitze spielen, aber da war keiner. Und da ist immer die Frage, wie lange hält ne Mannschaft so was aus. Das könnte er ganz einfach vermeiden, indem er mehr tut fürs Spiel.«

Peng. Statt den deutschen Torschützen »jetzt auch mal ein bisschen zu feiern«, verpasste Scholl dem Stürmer ein paar klatschende Ohrfeigen. Wundliegen können sich nur Alte, Gebrechliche, schwer Kranke oder frisch Operierte. Nicht Nationalstürmer, die das entscheidende 1:0 gegen Portugal geschossen haben. Doch Scholl sprach das an, was Millionen Zuschauer in den 72 Minuten vor dem Treffer auch schon aufgefallen war: Mario Gomez, der etwas überraschend statt Miroslav Klose aufgestellt worden war, fand keine Bindung zu seinen Mittelfeld- und Abwehrspielern, keinen Anschluss an dieses Spiel. Gomez und Klose sind unterschiedliche Spielertypen. Gomez ist ein Vollstrecker, vielleicht der beste Vollstrecker der Welt. Aber ein Vollstrecker braucht Maßarbeit von seinen Kollegen. Miroslav Klose ist inzwischen eher eine Mutation aus Stürmer und Mittelfeldspieler, er ist eigentlich immer und überall auf dem Platz zu finden. Gegen Portugal, das war deutlich zu merken, fanden Gomez und seine Mitspieler nur sehr schleppend zueinander. Deshalb schickte Bundestrainer Löw Miroslav Klose zum Warmlaufen, deshalb wollte er ihn gerade einwechseln.

Dann köpfte Gomez das 1:0. Der Vollstrecker war endlich bedient worden und hatte seinen Job erledigt.

Die Folge: Ganz Schland feierte seinen Vollstrecker, der dann noch acht Minuten spielen durfte und mit donnerndem Applaus verabschiedet wurde. Aus einer Auswechslung als Strafe, war eine Auswechslung als Belohnung geworden.

Scholl moserte trotzdem.

Gomez vs. Scholl – wie lange noch?

Natürlich gefiel das wiederum Gomez nicht, der sich gegen die Kritik wehrte und zu seiner Verteidigung seine tadellosen Leistungen der vergangenen Jahre (seit fünf Jahren bester deutscher Torschütze, seit zwei Jahren hinter Messi der beste Torschütze in der Champions League) aufzählte. Scholl blieb bei seiner Kritik, also wurde Gomez bei der nächsten Pressekonferenz wieder darauf angesprochen und so weiter.

Heute, vor dem dritten Gruppenspiel gegen Dänemark, ist die Debatte noch immer am Leben. Deutschland hat inzwischen auch gegen Holland gewonnen, durch zwei Tore von Mario Gomez. Kathrin Müller-Hohenstein, auch sie arbeitet beim Fernsehen, hätte das wohl einen inneren Reichsparteitag genannt. Wenn man sie dafür nicht vor zwei Jahren durch den Wolf gedreht hätte.

Ist Gomez schlecht? Ist Scholl gehässig? Kann Deutschland noch gerettet werden?

Was sagt diese Debatte über den Zustand der deutschen Nationalmannschaft, von Mario Gomez und von Mehmt Scholl aus? Ist Gomez wirklich so schlecht? Ist Scholl ein gehässiger Nachtreter, der den Wechsel vom Rasen zum Experten-Mikrophon noch nicht verkraftet hat? Natürlich nicht. Gomez ist ein Guter, sogar ein sehr Guter und wer wüsste das besser als Mehmet Scholl, dessen Aufgabe als Fußballer früher daraus bestand, solchen Stürmern wie Gomez das Tore schießen möglich zu machen. Scholl ist deshalb auch nicht gehässig, er war nach dem Portugal-Spiel einfach nur wütend. Weil er weiß, wie viel Potential in Mario Gomez steckt. Eigentlich, so wollte Scholl sagen, hätte der Mario auch drei Tore gegen Portugal schießen können. Wenn er sich noch mehr angestrengt hätte.

Gomez weiß das, er hat es auch schon zugegeben. Schon beim letzten Oktoberfest, so Gomez, habe er mit Scholl über dessen Kritiken gesprochen. Scholl habe ihm damals gesagt: »Ich sehe so unglaublich viel Potential bei dir. Ich möchte dich nicht kritisieren, sondern ich möchte damit bezwecken, dass du das Letzte aus dir rausholst.« Und dann sagte Gomez noch: »Und so sehe ich das jetzt auch.«

Debatte beendet? Nein. Dafür steckt in der Geschichte einfach viel zu viel Potential, um beim Thema zu bleiben. Jedenfalls für uns, die nicht auf dem Rasen stehen, die fest daran glauben, dass Fußball eigentlich ein einfaches Spiel ist. Die Zuschauer, die Experten, die Medien. Alter Recke beleidigt jungen Recken, junger Recke schießt alle deutschen Tore, was macht jetzt der alte Recke? Diese Konstellation ist es wert, dass man die Diskussionen darüber am Leben erhält.

»Mein lieber Scholli: Zweimal Gomez«

Man kann das plump machen, und einfach in jeder Pressekonferenz den Finger in die Wunde von Mario Gomez oder seinem Trainer legen. Oder man macht sich einfach einen Spaß daraus, schließlich profitieren bislang alle davon: Scholl hat Aufmerksamkeit, Gomez antwortet mit Toren, Schland gewinnt. Den Preis für die bislang beste Lösung, die Sache mit Scholl und Gomez für eigene Zwecke zu verwursten, sollte die »Münchener Abendzeitung« bekommen. Die titelte nach dem deutschen 2:1-Sieg gegen Holland: »Mein lieber Scholli: Zweimal Gomez!«